Für die Menschen im Mittleren Osten, wo Millionen für den Kampf um Freiheit und Demokratie ihr Leben und ihre Existenz riskiert haben, ist es sehr bizarr zu sehen, wie ein ganzes Volk seine Freiheit verschenkt – und dies auf demokratischem Weg. Um es mit einem englischen Sprichwort zu sagen: Dass Amerika Donald Trump gewählt hat, ist in etwa so, als würden Truthähne für Thanksgiving stimmen. Man wählt den eigenen Untergang.

Viele Menschen im Mittleren Osten haben den unwahrscheinlichen Aufstieg Donald Trumps vom Wirtschaftsunternehmer und Fernsehstar zum Führer der noch immer mächtigsten Nation der Welt mit einer Mischung aus Bestürzung, Belustigung, Besorgnis und Angst beobachtet.

Ausgerechnet jenes Land, das den Export der Demokratie in unseren Teil der Welt zu seiner ausdrücklichen Mission erklärt hatte – mit Worten und Taten –, hat nun eine Art autoritären Führer an die Macht kommen lassen, die uns im Mittleren Osten nur allzu vertraut ist.

Khaled Diab ist ein freier Journalist, Autor und Blogger, derzeit mit Sitz in Jerusalem. Er wurde 1973 als Sohn ägyptischer Eltern in Libyen geboren und hat in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens sowie in Europa gelebt. © privat

Mehr noch: Wenn sicher nachgewiesen werden kann, dass Russland in die Wahl von Trump reingepfuscht hat, dann werden die Amerikaner zum ersten Mal selbst einen Regimewechsel erleben, wie ihn ihr Land in unserer Region seit Jahrzehnten angestoßen hat.

Auch wenn viele Araber die amerikanische Außenpolitik verachten, haben sie doch die Freiheit der amerikanischen Staatsbürger immer bewundert und beneidet. Wir ahnten natürlich nicht, dass wir dieses Gefühl miteinander teilten – und dass die Amerikaner umgekehrt neidisch waren auf unseren Mangel an Freiheit. Tatsächlich scheinen die Amerikaner ihre Freiheit so sehr zu hassen, worin sie übrigens Al-Kaida ähneln, dass sie sich entschieden haben, ihre Demokratie selbst zu zerstören – fast mehr noch, als der radikale Islam es vermag. 

Natürlich wissen wir alles über eigennützige Politik, Kumpel-Kapitalismus, ökonomische Stagnation und soziale Unbeweglichkeit. Aber wie genau es die Trump-Anhänger geschafft haben, sich vorzumachen, dass ein selbstzentrierter und opportunistischer Milliardär, dessen Wirtschaftspolitik nur einer kleinen Elite nützen wird, ein Außenseiter sei, der gegen das Establishment kämpfen und dem Durchschnittsamerikaner zu mehr Macht und Kraft verhelfen würde, bleibt ehrlich gesagt ein völliges Rätsel.

Knallharte Wahrheit statt scheinheiliger Verzierung

Dazu kommt, dass viele im Mittleren Osten sehr alarmiert sind wegen Trumps hetzerischer Aussagen über Muslime, Flüchtlinge und Einwanderer sowie seiner Ankündigung, Muslimen die Einreise in die USA zu verbieten, auch wenn er diesen Punkt zuletzt etwas heruntergespielt hat.

Doch gibt es trotz dieser Alarmsignale gibt es im Mittleren Osten auch Menschen, die sich über die Wahl Trumps ehrlich freuen. Nicht etwa weil sie Trump oder seine Politik mögen. Sondern weil sie ernüchtert sind angesichts der so vernichtenden Bilanz der amerikanischen Politik im Mittleren Osten.

Bei einigen hat diese Haltung zu ungesunder Rachsucht geführt. "Viele von uns meinen, dass die USA, wenn sie schon nicht die beste Option für sich wählen konnten, eben die schlechteste verdient haben", schreibt ein arabischer Blogger in einem viel beachteten Artikel. Und ergänzt: "Viele hier wollen lieber die knallharte Wahrheit, als eine scheinheilige Verzierung." 

Auch wenn ich nie erwartet habe, dass Barack Obama den amerikanischen modus operandi radikal verändern würde, auch wenn ich schon vor seiner Wahl vor zu hohen Erwartungen gewarnt habe, würde ich das Credo, wonach Trump eine "harte Wahrheit" ohne jede "scheinheilige Verzierung" liefert, als im besten Fall extrem naiv, im schlimmsten Fall als vorsätzlich selbsttäuschend bewerten.