Russland hat es in den vergangenen zwei Jahren weit gebracht. Noch im März 2014 bezeichnete der nun scheidende US-Präsident Barack Obama das Land als eine Regionalmacht: gefährlich, weil schwach, mit Betonung auf Letzterem.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte danach stets gesagt, er messe dem keine Bedeutung bei. Doch zumindest die Reporter in den Staatsmedien kauten Obamas Formulierung immer wieder vor, wenn es mal wieder um einen Vorwurf ging, Russland habe irgendwo seine Finger im Spiel. Russland und der Brexit? Aber, aber, wir sind doch nur eine Regionalmacht. Russland und Hackerangriffe auf Hillary Clinton? Regionalmacht!

Umso breiter konnte am Mittwochabend Olga Skabeewa, die Moderatorin der Politikshow 60 Minuten auf dem Staatssender Rossija 1, in die Kamera grinsen. Mit Ironie in der Stimme fasste sie das gerade in den USA heiß diskutierte Trump-Dossier zusammen: Russlands Geheimdienste sollen den Milliardär schon lange vor seiner Kandidatur durch sogenanntes Kompromat, also zur Erpressung geeignete Informationen, an die Leine genommen haben, um ihn dann mithilfe von Hackerangriffen ins Weiße Haus zu hieven. Russland als internationale Topschlagzeile, was könnte den Großmachtstatus des Landes besser unterstreichen.

"Das ist natürlich ein Kompliment an unsere Dienste und zeigt, dass Russlands Autorität in der Welt steigt", sagt auch Nikolai Kowalew, Ex-Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB. Seinen Posten hatte er vor knapp 20 Jahren an Wladimir Putin abgegeben. Aber natürlich habe man keine Informationen über Trump. Das sei auch keine Methode in Russland.

Prostituierte, Kokain und Putin-Kritiker

Tatsächlich sagt Kowalew nicht ganz die Wahrheit. Ausgerechnet eine Kompromat-Geschichte hatte die Karriere seines FSB-Nachfolgers Wladimir Putin erst so richtig ins Rollen gebracht: Im Frühjahr 1999 hatte der damalige Generalstaatsanwalt Juri Skuratow Korruptionsvorwürfe untersucht, die bis ins Umfeld von Präsident Boris Jelzin reichten. Dann tauchte plötzlich ein Video auf: ein Mann, zwei Frauen, die Gesichter kaum zu sehen. Für FSB-Chef Putin damals klar: Der Mann ist Skuratow, die Frauen sind Prostituierte. Wenig später war Skuratow seinen Posten los, Putin stieg zum Premier und Jelzin-Nachfolger auf. Es folgten unzählige Skandale in der jüngeren Geschichte, als die kremltreue Presse plötzlich an Sexvideos von Oppositionellen gelangte, Journalisten beim Kokainschnüffeln zeigte oder Telefonmitschnitte von Putin-Kritikern veröffentlichen konnte.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die angeblichen Erkenntnisse über Trump stimmen und es auch von ihm ein solches Video gibt. Doch allein schon, dass es dem Kreml prinzipiell zuzutrauen wäre, macht die aktuelle Trump-Affäre zu einem Glücksfall für Moskau. Schließlich geht es aus russischer Sicht nicht darum, die Inhalte des von BuzzFeed veröffentlichten Papiers zu bestätigen oder zu widerlegen.

Für den Kreml ist es ziemlich einfach, jegliche Einmischung mit sarkastischen Statements abzustreiten. Putins Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete das Dossier und den veröffentlichten Teil des Berichts über russische Wahlbeeinflussung als Pulp-Fiction, einen Groschenroman, und Zeitungsente. Putin und viele seiner Anhänger nutzen jede Gelegenheit, um dem Westen das vorzuwerfen, was gewöhnlicherweise als Vorwurf von der anderen Seite kommt. Viel wichtiger ist, dass Russland, beziehungsweise sein Militär und die Geheimdienste überhaupt als potenzielle Störer von solch großem Maßstab diskutiert werden.

Solange es den eigenen Interessen dient

Schließlich ist es noch nicht lange her, als beinahe jeder ernstzunehmende russische USA-Experte auf den Vorwurf, die Amerikaner würden unentwegt an Russlands Niedergang arbeiten, entgegnen konnte: "Wir interessieren die da drüben doch gar nicht." Dieses Argument scheint zumindest vorübergehend vom Tisch zu sein. Und mit dieser Rolle des Bösewichts scheinen viele in Moskau zumindest nicht unglücklich zu sein. Ein Bösewicht kann nach dieser Leseart kein Loser sein und umgekehrt.

Schon bei der weitaus besser belegten Einmischung russischer Hacker in den US-Wahlkampf, die zuletzt auch Trump bestätigt hat, zeigte sich dieser Mechanismus. Dass Putins Leute etwas Unerlaubtes tun, ist für viele Russen kein Problem, solange es den vermeintlich eigenen Interessen dient. So wird Lüge zur List und Erpressung zum politischen Instrument umfunktioniert. Der Punkt ist nicht, dass Russland Gesetze bricht, sondern dass es dadurch angeblich so viel Einfluss ausüben konnte, dass es seit Tagen scheinbar kein größeres internationales Thema gibt – ob bei Trumps Pressekonferenz oder bei der Anhörung von Rex Tillerson für das Amt des Außenministers.

Dass das Trump-Dossier mehr offene Fragen hinterlässt als es beantwortet, spielt Putin zusätzlich in die Hände. Viele Russland-Beobachter, etwa der Sicherheitsexperte Marc Galeotti, mahnten bereits zu Vorsicht. Ein ehemaliger britischer Spion mit so vielen hochrangigen Quellen klinge wenig plausibel. Hinzu kommen die vielen oberflächlichen Ungereimtheiten. So wird etwa Konstantin Kossatschow als Chef des außenpolitischen Kommittees der Duma bezeichnet und als Strippenzieher eines wichtigen Treffens mit Trump-Gesandten in Prag genannt, während Kossatschow seit mittlerweile zwei Jahren im Föderationsrat sitzt. Der ist so etwas wie ein Abstellgleis der russischen Politik. So bietet das Papier und die Reaktionen darauf noch genügend Stoff, den Russlands Propagandasender weiterhin genüsslich ausschlachten können.