François Hollande hat seinen Fernseher ausgeschaltet und sich stattdessen in einen plüschigen Theatersessel begeben: Frankreichs sozialistischer Präsident besuchte am Sonntagabend ein launiges Stück vom französischen Theaterstar Michel Drucker. Dabei debattierten zeitgleich sieben Kandidaten seiner Partei vor einem Millionenpublikum im Fernsehen darum, wer von ihnen von den Sozialisten für die Präsidentschaftswahl Ende April aufgestellt wird – um Hollandes Nachfolge anzutreten. Und obwohl der Präsident die Debatte schwänzte, ist das Rennen durchaus spannend. Bislang ist nach den Umfragen noch nicht klar, wer am kommenden Sonntag den ersten Wahlgang überstehen wird und noch weniger, wer in zwei Wochen als Sieger der Vorwahlen der sozialistischen Partei ins Rennen um das höchste Amt im Staat geschickt wird.

Dass Hollande im Theater weilt, während seine potenziellen Nachfolger aus seiner Partei über seine Politik debattieren, ist schon kurios genug. Sein Ausflug passt aber zu der Distanz, die die Kandidaten wiederum gegenüber dem Nochamtsinhaber einnehmen: Hollande ist im französischen Volk äußerst unbeliebt. Deshalb mussten die Aspiranten in ihrer zweiten TV-Debatte über mehr als zwei Stunden den seltsamen Spagat vollbringen, die unbeliebte sozialistische Regierung zu kritisieren und zugleich die sozialistische Partei, deren Mitglieder sie am Wochenende wählen sollen, zu verteidigen. Dabei regierte jeder der Kandidaten und auch die einzige Kandidatin schon im Kabinett von Hollande. Ein neues Gesicht ist nicht dabei.

Aber bis auf Manuel Valls, der bis zum Dezember noch Ministerpräsident war, sind alle entweder freiwillig aus der Regierung geschieden oder wurden von Hollande geschasst. Man könnte es also eine sozialistische Vorwahl gegen die sozialistische Regierung nennen.

Die konservativen Republikaner hatten schon im November François Fillon zu ihrem Spitzenkandidaten gekürt. Während sie mit ihm einen rechten Hardliner aufgestellt haben, scheinen die sozialistischen Anhänger eher einen Linksaußen zu favorisieren: Der zuvor als chancenlos betrachtete Benoît Hamon siegte in Umfragen kurz nach der Fernsehdebatte. Der jungenhaft wirkende Historiker wurde in den vergangenen Wochen stetig beliebter – auch weil er deutlich weiter geht als seine Konkurrenten: Er fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Wirtschaftspolitik, die sich vom Dogma des Wachstums abwendet.

In der Fernsehdebatte kritisierte Hamon vehement die Haltung von Hollande und Valls, möglichst wenige Flüchtlinge aufzunehmen. "Wir waren in der Flüchtlingskrise nicht auf der Höhe der Zeit", sagte er. Von 100 Flüchtlingen weltweit kämen nur zwei nach Europa – und anderthalb davon nach Deutschland. "Frankreich als Land der Menschenrechte muss künftig mehr Flüchtlinge aufnehmen", forderte der linke Kandidat.

Nach diesem Einstieg geschah etwas, was in der aufgeheizten Debatte um Migration in Europa selten ist: Die Kandidaten überboten sich darin, Verbesserungen für Flüchtlinge zu fordern. Es solle freie Fluchtwege aus Krisengebieten nach Europa geschaffen werden, Asylbewerber sollten arbeiten dürfen, um sich integrieren zu können, und Frankreich könne überhaupt mehr Flüchtlinge aufnehmen, hieß es einstimmig. Arnaud Montebourg, Ex-Industrieminister und gewerkschaftsnaher Sozialist, sieht Frankreich für humanitäre Krisen wie in Libyen mitverantwortlich und beschwor, dass die Franzosen viel gastfreundlicher seien als ihre Regierung.

Streit über Atomenergie

Die linken Kandidaten waren sich darin einig, Ausländer bei lokalen Wahlen mitstimmen zu lassen, sie wollen das umstrittene Schiefergas weiterhin verbieten und homosexuellen Paaren die künstliche Befruchtung erlauben. Alle wollen darüber hinaus die europäischen Steuersätze harmonisieren.

Ähnlich uneinig wie die Sozialdemokraten in Deutschland sind sich die französischen Sozialisten hingegen in der Energiefrage. Frankreich bezieht seinen Strom zu 80 Prozent aus Atomkraftwerken. Während Ex-Industrieminister Montebourg die Atomkraft als "heimische Industrie" aufrechterhalten will, möchte Hamon sie bis 2050 komplett durch erneuerbare Energien ersetzen. Es sei eine traditionelle französische Lüge zu behaupten, die Atomkraft mache das Land unabhängig. "Das für die Atomenergie benötigte Uranium kommt zu 100 Prozent aus dem Ausland, aus Kasachstan beispielsweise", sagte Hamon. Die neuen Energien sollten zu "dem wichtigsten vereinenden Thema in Europa werden".

Schwieriger ist es für Valls zu punkten. Er ist zwar der Prominenteste in der Runde, aber als Ex-Ministerpräsident sah er sich genötigt, die Regierungspolitik der vergangenen fünf Jahre zu verteidigen. Valls antwortete roboterhaft auf die Kritik seiner Parteifreunde. Es sei richtig gewesen, nicht mehr Flüchtlinge aufzunehmen und Cannabis dürfe auch nicht legalisiert werden, weil es "in einer Gesellschaft auch Verbote geben müsse". Valls liegt nach ersten Umfragen zwar etwa gleichauf mit Montebourg und Hamon. Über einen Amtsbonus kann er sich aber nicht freuen.

Schließlich haben die Sozialisten einen Präsidenten zu verkraften, der zu den unbeliebtesten in der Geschichte Frankreichs gehört und eine mehr als bescheidene Bilanz seiner fünfjährigen Amtszeit vorzuweisen hat. Wer bis vor Kurzem zu seinem engeren Umfeld gehörte, hat es deshalb schwer.

Ohnehin hat der in zwei Wochen gewählte sozialistische Kandidat wenig Chancen. Die Umfragen sagen der Partei bei der Präsidentschaftswahl eine historische Niederlage voraus: Ihr Kandidat, egal wer es wird, könnte hinter dem konservativen Fillon, der rechtsextremen Marine Le Pen, dem unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron und sogar dem Linken Jean-Luc Mélenchon auf dem fünften Platz landen. Also ohne jede Chance, in die zweite, entscheidende Wahlrunde einzuziehen. Genug Gründe für Hollande, die Debatte seiner potenziellen Erben zu schwänzen.