Der liberale Guy Verhofstadt hat seine Kandidatur als Präsident des EU-Parlaments zurückgezogen und die Unterstützung des konservativen Kandidaten Antonio Tajani angekündigt. Beide Parteien hätten beschlossen, einen gemeinsamen Kandidaten zu unterstützen, sagte Verhofstadt in einem Video, das er auf Twitter postete. Es sei der erste bedeutende Schritt, eine proeuropäische Koalition zu bilden, um die EU reformieren und voranzubringen zu können. "Das ist absolut notwendig im Hinblick auf Trump, Putin und viele andere Herausforderungen." 

Damit sind die Chancen des früheren EU-Industriekommissars Tajani auf die Nachfolge von Martin Schulz gestiegen. In der ersten Wahlrunde ging er als stärkster Kandidat hervor, verfehlte allerdings die absolute Mehrheit. Auf den italienischen Konservativen kamen 274 von 683 gültigen Stimmen. Auf Platz zwei landete Gianni Pittella, ebenfalls ein Italiener. Er ist der Bewerber der 189 Sozialdemokraten und Sozialisten im Parlament. Die Wahl geht damit in die zweite Runde.

Tajanis Fraktion ist mit 217 Abgeordneten die größte im Parlament. Die Liberalen, zu denen Verhofstadt gehört, zählen 68 Abgeordnete. Tajani kann neben ihnen zudem auf Stimmen der konservativen Fraktion EKR hoffen, falls deren Kandidatin Helga Stevens in späteren Wahlgängen ausscheidet. Die Fraktion hält 74 Sitze.

Verhofstadt sagte, die Koalition mit den Konservativen stehe allen proeuropäischen Gruppen offen. "Es ist eine Koalition der Ideen", sagte der ehemalige belgische Ministerpräsident. Er galt zeitweise als Kompromisskandidat mit Außenseiterchancen.

Sollte in den drei ersten Wahlrunden kein Kandidat die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten, gibt es am Abend eine Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Bewerbern. Das Mandat des neuen Präsidenten gilt bis zur nächsten Europawahl Mitte 2019.

Der bisherige Parlamentspräsident Schulz hatte sich Ende November entschieden, als Spitzenkandidat für die nordrhein-westfälische SPD bei der Bundestagswahl im September zu kandidieren. Er ist zudem als Bundesaußenminister und als ein SPD-Kanzlerkandidat im Gespräch.