Dass die Fremdenfeindlichkeit nicht erst seit dem Machtantritt der nationalkonservativen PiS zunimmt, zeigt das letzte, 2013 von Nigdy Więcej herausgegebene Braunbuch. Über 600 Vorfälle mit fremdenfeindlichem oder homophobem Hintergrund listet die Organisation zwischen 2011 und 2012 in ihrer Publikation auf. Darunter auch drei Morde. Zudem treten rechte Gruppierungen wie das rechtsextreme Nationalradikale Lager (ONR) seit Jahren immer aggressiver und selbstbewusster auf. Allein beim jüngsten Unabhängigkeitsmarsch, einem seit 2010 vom ONR und der ebenfalls rechtsradikalen Allpolnischen Jugend regelmäßig am 9. November organisierten Protestmarsch in Warschau, zählte man bis zu 100.000 Teilnehmer. Das Motto des diesjährigen Marsches: "Polen, die letzte Bastion Europas".

Es ist ein Rechtsruck, der die polnische Politik verändert hat. "Vor den letzten Parlamentswahlen versuchten viele Parteien, diese Stimmung auszunutzen", sagt Czerczak. An die Spitze stellten sich die PiS und ihr Vorsitzender Jarosław Kaczyński. "In Schweden gibt es 54 Bezirke, wo nur das Scharia-Recht gilt. Da haben die schwedischen Behörden nichts zu suchen", behauptete Kaczyński beispielsweise während einer Parlamentsdebatte im Herbst 2015. Er provozierte damit sogar ein Dementi der schwedischen Botschaft, aber die Behauptung war in der Welt.

Die PiS stoppte ihre Rhetorik, die Angst vor dem Islam schürt, auch nach ihrem Wahlsieg nicht. Regierungspolitiker betonen bis heute bei jeder Gelegenheit, es sei nur der PiS zu verdanken, dass Polen keine Flüchtlinge aufgenommen und somit das Land vor dem islamischen Terror bewahrt habe. Dass die liberale Vorgängerregierung sich ebenfalls gegen die von der EU beschlossene Quotenregelung gesperrt hatte, wird verschwiegen.

Antiislamismus ohne Muslime

Verstärkt wird dieser fremdenfeindliche Chor durch PiS-nahe und von ihr abhängige Medien. So zeigte das Staatsfernsehen TVP am Silvesterabend in der Satiresendung Szopka Noworoczna eine Angela-Merkel-Animation, in der als Flüchtlinge verkleidete Schauspieler Der morgige Tag ist mein singen. Ein aus dem Musicalfilm Cabaret stammendes Lied, das im Original von einem Hitlerjungen gesungen wird und der Machtergreifung durch die Nazis vorgreift. Eine unappetitliche Art von Humor, die jedoch wenig überrascht bei Medien und Journalisten, die beim Thema Flüchtlingskrise nicht selten das Wort "Invasion" verwenden.

Dass dieser "Antiislamismus ohne Muslime", wie Experten dieses Phänomen nennen, in Gewalt umschlagen kann, zeigte sich schon vor den Unruhen von Ełk. Seit mehr als einem Jahr häufen sich Berichte über tätliche Angriffe, egal ob auf ausländische Studenten oder Polen, die für Ausländer gehalten werden. So wie den Warschauer Geschichtsprofessor Jerzy Kochanowski, der sich in der polnischen Hauptstadt in einer Straßenbahn mit einem Kollegen aus Jena auf Deutsch unterhielt und darauf attackiert wurde. Trotzdem hatte die PiS nichts anderes zu tun, als Ende April den 2011 vom damaligen Ministerpräsidenten Donald Tusk berufenen Rat zur Bekämpfung von Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz aufzulösen. "Dieser hat sich durch nichts Besonderes hervorgehoben", sagte Regierungssprecher Rafał Bochenek damals zur Begründung.