Nicht, dass es jetzt um die Chancen der französischen Linken auf einen Wahlsieg im Mai besser stünde. Nein, Benoît Hamon, den die Wähler am Sonntag in einer offenen Vorwahl zum Präsidentschaftskandidaten der regierenden Sozialistischen Partei kürten, wird seinem glücklosen Parteigenossen François Hollande nicht nachfolgen. Es wird Hamon auch kaum gelingen, die zerstrittene Linke für den Wahlkampf zu vereinen, so wie viele linke Wähler in Frankreich nach seiner Nominierung hoffen mochten.

Tatsächlich könnten jüngsten Umfragen zufolge der 49-Jährige und der von ihm schon als Bündnispartner umworbene Linksaußen-Kandidat Jean-Luc Mélonchon gemeinsam im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen bis zu 25 Prozent der Stimmen erhalten. Warum also nicht ein Gespann Mélonchon/Hamon: der ältere, zum Volkshistoriker neigende Mélonchon als Präsidentschaftsanwärter und der jüngere, in seine radikale Parteiprogrammatik verliebte Hamon als Premierministerkandidat?

Doch so funktionieren französische Präsidentschaftswahlen nicht. Zweitplatzierte Kandidaten für den Posten des Regierungschefs gibt es nicht. Jeder kämpft um seinen eigenen Platz im Rennen. Hamon hat ihn gerade gewonnen und nichts spricht dafür, dass er ihn wieder aufgeben wird.

Er erinnert an frühere deutsche Fundi-Grüne

Dafür aber könnte der Arbeitersohn aus der Pariser Vorstadt die französische Debatte aufmischen. Der ehemalige Erziehungsminister besitzt immer noch Courage und Chuzpe des vorwitzigen Jungsozialistenchefs der neunziger Jahre, als der er einmal auf die politische Bühne trat. Hamon hat Segelohren, setzt beim Sprechen eine tiefschwarz gerahmte Brille auf und ab. Das wirkt oft schülerhaft, in den sozialen Medien verspotten ihn seine Kritiker als Clown. Doch statt auf Charisma und Charme der eigenen Person, wie es die anderen Kandidaten tun, setzt er auf Ideen und Programm – und hat es dabei geschafft, als erster namhafter Sozialist in Frankreich wie ein echter Grüner zu wirken.

Hamon wird nicht müde, bei jeder Gelegenheit sein Primat für die "politische Ökologie" zu erwähnen. Er spricht vom Ende des Wachstums, verlangt eine neue Energiepolitik. Das klingt manchmal ein bisschen nach den längst vergessenen deutschen Fundi-Grünen à la Thomas Ebermann. Doch im französischen Kontext, nach fünf Jahren linker Orientierungslosigkeit unter Präsident Hollande, in denen das Pariser Klimaabkommen der einzige echte Höhepunkt war, beweist Hamon, dass die Linke doch noch eine irgendwie bessere Zukunft denken kann.

Das gilt auch für seinen wichtigsten sozialpolitischen Vorschlag: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Auch diese Idee könnte von den deutschen Grünen abgeschaut sein, aber sie geht heute längst ihren eigenen Weg, beschäftigt namhafte Ökonomen und Wirtschaftslenker. Und da die Konkurrenz fast ausschließlich Vollbeschäftigung und Mehrarbeit für alle predigt, findet Hamon mit seinem Grundeinkommen für alle überraschend viel Gehör.

Das wird alles nicht reichen, um bei den Präsidentschaftswahlen eine Rolle zu spielen. Aber vielleicht haben die Franzosen am Sonntag einen wider Erwarten ordentlichen Oppositionschef gewählt.

Frankreich - Benoît Hamon tritt für Frankreichs Sozialisten bei Wahl an Der 49-jährige gewann die Vorwahl der Partei gegen den früheren Premierminister Manuel Valls. Laut vorläufigen Ergebnissen kam der Hamon auf rund 59 Prozent der Stimmen. Umfragen sehen ihn im ersten Wahlgang am 23. April jedoch als Außenseiter. © Foto: Bertrand Guay/Getty Images