In der Aufregung um die Kür des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten rückte diese Nachricht ein wenig in den Hintergrund: Sigmar Gabriel hat sich als Kompensation für seinen Verzicht auf die Spitzenkandidatur im Handstreich zum Nachfolger Frank-Walter Steinmeiers als Außenminister erklärt. Das ist mindestens so überraschend wie die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz, hat aber keine größeren Fragen aufgeworfen – was in aller Deutlichkeit zeigt, dass die deutsche Öffentlichkeit kaum eine Vorstellung von der Bedeutung der Außenpolitik hat. Sonst hätte man sofort wissen wollen: Was können Deutschland und Europa eigentlich von einem Außenminister Gabriel erwarten? Mit welchen konzeptionellen Vorstellungen geht er in dieses hohe Amt? Hat er die internationalen Herausforderungen, vor denen Berlin und Brüssel stehen, durchdacht und verstanden?

Gabriel folgt in dieser großen Rochade des politischen Personals auf Steinmeier, den CDU und SPD zum neuen Bundespräsidenten wählen wollen. Steinmeier gilt als erfahrener Außenpolitiker. Er hat dieses Amt in zwei Kabinetten bekleidet und sich vorteilhaft von dem verstorbenen Guido Westerwelle abgehoben, der auf diplomatischem Parkett überfordert war. Steinmeier ist es gelungen, sich in der internationalen Politik als mäßigende und besonnene Stimme Respekt zu verschaffen. Seine Besorgtheit um den Zustand der Welt ist dabei geradezu sprichwörtlich geworden.

Trotz seiner hohen Beliebtheitswerte in der deutschen Bevölkerung fällt die Bilanz der Ära Steinmeier gemischt aus. Zu lange hat das Auswärtige Amt unter seiner Führung an überkommenen Konzepten festgehalten und auch im Widerspruch zu den Realitäten vom Donbass bis Syrien mit gesinnungsethischen Merksätzen ("es gibt keine militärischen Lösungen") operiert. Dies gilt insbesondere, aber nicht nur in der Ostpolitik, in der ein aggressives Russland bei Steinmeier stets auf erstaunliche Nachsicht hoffen konnte. Während des zum Ritual erstarrten Dialogs mit Berlin ging der Kreml dazu über, in Europa und im Nahen Osten Fakten zu schaffen. Rhetorisch weniger zurückhaltend war Steinmeier hingegen im Umgang mit der Nato ("Säbelrasseln und Kriegsgeheul") oder mit dem US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, den er im August 2016 als "Hassprediger" bezeichnete.

Kurzum: Der Abgang Steinmeiers sollte vor dem Hintergrund eines Krieges in Osteuropa, der Krise der EU und der erratischen Trump-Regierung für eine überlegte Neupositionierung deutscher Außenpolitik genutzt werden. Es steht in Europa und transatlantisch viel auf dem Spiel, und Deutschland hat in der jüngeren Vergangenheit nicht immer glücklich agiert.

"Privat" für bessere Beziehungen zu Russland

Die beeindruckende Karriere Gabriels ist Ausweis starken Willens und politischen Talents. Wie wenige andere hat er die politische Landschaft Deutschlands seit der Ära Schröder geprägt. Gabriel gilt als gewiefter Taktiker, der politische Chancen rasch zu ergreifen und zu nutzen weiß, der weder Streit noch schnelles Urteil scheut. Doch gerade diese politischen Stärken Gabriels könnten sich im Auswärtigen Amt als problematisch erweisen. Hier ist kein Instinktpolitiker gefragt, sondern ein Chefdiplomat und Stratege, der mit seiner gesamten Person für Vertrauen und Verlässlichkeit steht. Dies gilt insbesondere in einer Zeit der Unsicherheit, in der Deutschland und der gesamte Westen vor einer ungewissen Zukunft stehen. Unbedachte Äußerungen und impulsive Aktionen können in dieser angespannten Lage großen Schaden verursachen. Zugleich sollte die deutsche Außenpolitik unser Land und die Europäische Union strategisch neu aufstellen; dazu bedarf es enger Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten sowie klarer Abgrenzung gegenüber den erstarkenden Gegnern der liberalen Ordnung. Das heißt: Im Auswärtigen Amt wird jemand benötigt, der klaren Verstand und eine ruhige Hand mit Weltläufigkeit verbindet.

Einige Auftritte Gabriels im Ausland können Zweifel daran nähren, dass er die erste Wahl für das Auswärtige Amt ist. So kritisierte er die israelische Besatzung als "Apartheid-Regime" und zögerte bei anderer Gelegenheit, Menschenrechtsverletzungen in den Golfstaaten beim Namen zu nennen. Am problematischsten dürfte jedoch das Auftreten Gabriels gegenüber Russland sein. Bei einem offiziellen Besuch in Moskau im Herbst 2015 distanzierte er sich ostentativ von der Haltung der Bundesregierung und der Europäischen Union. Wirtschaftsminister Gabriel erklärte, er sei "privat" für bessere Beziehungen. Er könne, sagte Gabriel in Moskau, nicht verstehen, warum sich "unsere beiden Länder in komplett andere Richtungen entwickelten". Am Ende seiner Audienz bei Präsident Putin bat er dann noch wie ein Schuljunge um ein Autogramm des russischen Machthabers.

Ohne zu zögern westliche Werte verteidigen

Stilfragen ausgeklammert: In der Russland-Politik liegt der designierte Außenminister eher auf der Linie von Trump oder Erdoğan, deren autoritäre Politik ansonsten von der SPD – zu Recht – scharf kritisiert wird. Kann sich Deutschland im Krisenjahr 2017 einen Außenamtschef leisten, der "privat" wenig von Sanktionen gegen Moskau hält und den autoritären Umbau Russlands offenbar komplett verschlafen hat?

In den kommenden Monaten bis zur Bundestagswahl braucht Deutschland einen Außenminister, dem unsere Verbündeten vertrauen können, der in Verhandlungen einen langen Atem hat und der gezielt daran arbeitet, Sicherheit und Frieden in Europa wiederherzustellen. Die Herausforderung durch die autoritären Bewegungen und Regime im Westen wie im Osten verlangen nach einer Person mit klarem Urteilsvermögen und strategischer Weitsicht. Es wird im Wahlkampf nicht an Stimmen mangeln, die die Westbindung Deutschlands und die Friedensordnung in Europa infrage stellen werden. Sowohl die AfD als auch die Linkspartei stehen in den Startlöchern. Da ist es von entscheidender Bedeutung, dass deutsche Außenpolitik sich der autoritären Herausforderung stellt und ohne zu zögern westliche Werte verteidigt.