Mit dem Amtsantritt des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten beginnt ein gewaltiges sozialwissenschaftliches Experiment, das bislang größte dieses noch jungen Jahrhunderts. Geprüft wird die Belastbarkeit politischer Ordnungen. Auf dem Spiel steht, unter anderem, die Zukunft der Politik. Bei diesem Experiment gibt es zwei große Versuchsanordnungen.

Die erste betrifft die Belastbarkeit der amerikanischen Demokratie unter den Bedingungen großer Machtkonzentration in unzuverlässigen Händen. Nur selten herrschten in den USA in den letzten Jahrzehnten so klare Mehrheitsverhältnisse wie derzeit, mit Donald Trump im Weißen Haus, mit klaren Mehrheiten der Republikanischen Partei in beiden Kammern des Kongresses und mit der Chance, den Obersten Gerichtshof durch neue Berufungen auf lange Zeit auf eine konservative Linie zu trimmen.

Zudem dürfte der neue Präsident alle Hebel in Bewegung setzen, um seine Machtbefugnisse weiter auszuweiten. Seinen Konzern führt Donald Trump nicht wie ein modernes, börsennotiertes Unternehmen, sondern als Familienbetrieb mit einem unangefochtenen Pater familias, der vor allem Loyalität einfordert. Man kann davon ausgehen, dass er so auch die Vereinigten Staaten von Amerika regieren will. Und man darf bezweifeln, dass der Eid auf die amerikanische Verfassung seine politischen Motivationen und seinen moralischen Kompass wesentlich verändern wird. 

Russland, China, USA – Macht spielt die Schlüsselrolle

Die zweite Versuchsanordnung betrifft die Belastbarkeit der gegenwärtigen Weltordnung. Neben den USA sind dabei Russland und China die wichtigsten Akteure, und auch an der Spitze dieser Weltmächte stehen derzeit Männer, die nach Kräften versuchen, sich als Alleinherrscher zu präsentieren: Wladimir Putin und Xi Jinping, der gerade intensiv damit beschäftigt ist, seine Gefolgsleute im Zuge der anstehenden Neubesetzungen von Schlüsselpositionen im innersten Zirkel der chinesischen Kommunistischen Partei zu platzieren.

Über die Zukunft der internationalen Ordnung entscheidet vor allem das Mit- und Gegeneinander dieser drei großen Mächte und damit auch dieser drei Machtmenschen.

Alle drei haben bereits klargemacht, dass sie die Werte und Regeln der gegenwärtigen Weltordnung, dass sie das internationale Recht und die Interessen anderer Staaten bedenkenlos beiseiteschieben, wenn diese ihren eigenen Interessen im Weg stehen. Präsident Putin tat dies mit der Annexion der Krim und seinem Eingreifen in der Ostukraine; Präsident Xi mit Chinas völkerrechtswidrigen Gebietsforderungen und seinen militärischen Übergriffen im südchinesischen Meer; und Präsident Trump mit seinen Ankündigungen, die vertraglichen Verpflichtungen, die Amerika in der Vergangenheit eingegangen ist, aufzukündigen. 

Bei diesem Großversuch zur Resilienz politischer Ordnungen spielt offenkundig Macht die Schlüsselrolle. Doch Macht wozu? Donald Trump geht es vorgeblich darum, Amerika wieder groß zu machen. "Make America great again" lautete sein wichtigster Wahlkampfslogan. Zudem geht es bei ihm offenkundig immer auch und vor allem um Donald Trump – und um seine unternehmerischen Erfolge. Wie und wozu er seine neue Machtfülle in Zukunft nutzen will, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten herausstellen.

Bei Wladimir Putin scheint es so, als sei Macht ihm einerseits Selbstzweck, vielleicht auch eine Überlebensnotwendigkeit in einer Ordnung, in der politische Morde nicht ungewöhnlich sind; zum anderen will er sich offenbar für die Niederlage der Sowjetunion im Kalten Krieg und die Demütigung Russlands am Westen danach rächen. Xi Jinping schließlich geht es um den Machterhalt der Kommunistischen Partei und um den "chinesischen Traum" – ein techno-materialistischer Traum, in dem jeder Chinese ein Smartphone besitzen und China in das Zentrum der Weltordnung zurückgekehrt sein wird: eine schöne neue Welt, selbstverständlich noch immer und nach wie vor unter der Führung der KP Chinas.