Der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, befindet sich seit vergangenem Dienstag in Istanbul in Polizeigewahrsam. Sein Fall ist keine Ausnahme in der Türkei. Türkische Behörden gehen systematisch gegen kritische Journalisten vor.

Yücel war nach Angaben der Welt im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über eine Hacker-Attacke auf das E-Mail-Konto des türkischen Energieministers gesucht worden. Am vergangenen Dienstag habe er sich in das Polizeipräsidium in Istanbul begeben, um sich Fragen der Ermittler zu stellen. Seine Wohnung sei durchsucht worden.

Der 43 Jahre alte Journalist besitzt die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit. Aus Sicht der türkischen Behörden ist er damit ein einheimischer und kein ausländischer Journalist.

Was wird dem Welt-Korrespondenten vorgeworfen?

Yücel werde wegen eines "strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens" in Istanbul in Polizeigewahrsam gehalten, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Nach Angaben der Welt werfen die Behörden dem Journalisten die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Datenmissbrauch und Terrorpropaganda vor. Auslöser sei die Berichterstattung über eine Hacker-Attacke auf das E-Mail-Konto des türkischen Energieministers Berat Albayrak im Herbst 2016.

Albayrak ist der Schwiegersohn des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die Welt hatte im Oktober 2016 einen Artikel über die E-Mail-Affäre veröffentlicht. Bei Wikileaks sind E-Mails aus dem Hackerangriff seit Dezember 2016 öffentlich einsehbar. Yücel sei nach seiner Berichterstattung über die Hackerattacke gesucht worden, schrieb die Welt.

In der Türkei gilt seit dem gescheiterten Putsch im Juli 2016 der Ausnahmezustand. Yücel kann bis zu 14 Tage ohne Anhörung durch einen Richter in Polizeigewahrsam gehalten werden. Danach könnte die Staatsanwaltschaft die Untersuchungshaft beantragen.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin appellierte an die Türkei, "dass in dem laufenden Ermittlungsverfahren der türkischen Behörden gegen Herrn Yücel rechtsstaatliche Regeln beachtet und eingehalten werden und er fair behandelt wird, gerade mit Blick auf die auch in der Türkei verfassungsrechtlich verankerte Pressefreiheit". Das deutsche Außenministerium tue "alles, was wir können", um den Korrespondenten zu unterstützen, sagte der Sprecher. Man sei in Kontakt mit dem Journalisten und mit seiner Redaktion.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel drang am Samstag auf eine faire Behandlung Yücels. Laut ihrem Sprecher Steffen Seibert sprach die Kanzlerin den Fall bei ihrer Begegnung mit dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz ausführlich an.

Wie viele Journalisten sind in der Türkei in Haft?

Schon im Dezember 2016 waren allein im Zusammenhang mit der E-Mail-Affäre um den türkischen Energieminister sechs weitere Journalisten türkischer Medien festgenommen worden, drei von ihnen kamen in Untersuchungshaft.

Nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen sind derzeit mindestens 48 Journalisten in der Türkei wegen ihrer journalistischen Arbeit inhaftiert. In Dutzenden weiteren Fällen sei ein direkter Zusammenhang der Haft mit der Arbeit als Journalist wahrscheinlich, lasse sich aber nicht nachweisen. Denn oft lasse die türkische Justiz die Betroffenen und ihre Anwälte für lange Zeit über die genauen Vorwürfe im Unklaren.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zählte im Oktober 2016 insgesamt mehr als 130 Journalisten, die in der Türkei in Untersuchungshaft saßen. Das deckt sich mit der Zahl der türkischen Menschenrechtsplattform BIA: Demnach stieg die Zahl inhaftierter Journalisten in der Türkei von 31 Anfang 2016 auf 131 im Januar 2017.

Im Herbst 2016 hatten türkische Behörden unter anderem fast die gesamte Führung der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet  festgenommen, der ältesten Zeitung des Landes. Der damalige Chefredakteur Can Dündar konnte nach mehreren Monaten in Untersuchungshaft nach Deutschland ausreisen. Er hat eine deutsch-türkische Nachrichtenplattform gegründet und schreibt eine Kolumne für DIE ZEIT

Wie steht es um die Pressefreiheit in der Türkei?

Schon vor der Verhängung des Ausnahmezustands in der Türkei listete Reporter ohne Grenzen die Türkei im Frühjahr 2016 in einer Rangliste der Pressefreiheit nur noch auf Platz 151 von 180 Ländern. Damit stand die Türkei bereits hinter Staaten wie Pakistan, Russland oder Tadschikistan. Seither hat sich die Lage für Journalisten in der Türkei weiter massiv verschlechtert.

Insgesamt wurden laut Reporter ohne Grenzen seit Beginn des Ausnahmezustands in dem Land knapp 150 Medien geschlossen und 775 Presseausweise annulliert.

Amnesty International warf der türkischen Regierung im Herbst 2016 einen "eklatanten Missbrauch des Ausnahmezustands zur Zwangsschließung verschiedener Medien" vor. Die lebhafte Medienlandschaft in der Türkei werde "in eine Wüste verwandelt", warnte John Dalhuisen, Programmleiter für Europa und Zentralasien von Amnesty International.