Der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, wird von der türkischen Polizei festgehalten. Der 43-Jährige begab sich nach Angaben der Zeitung bereits am Dienstag in Polizeigewahrsam. Yücel ist der erste deutsche Journalist, der seit Verhängung des Ausnahmezustandes in der Türkei in Polizeigewahrsam genommen wurde. Seinen Anwälten wurde gesagt, dass gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, wegen Terrorpropaganda und wegen Datenmissbrauchs ermittelt werde. Das Auswärtige Amt hat am Freitag an die Türkei appelliert, im Ermittlungsverfahren gegen Yücel rechtsstaatliche Regeln sowie Fairness einzuhalten.


"Uns ist bekannt, dass sich der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, seit Dienstag wegen eines strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens in Istanbul in Polizeigewahrsam befindet", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. "Wir setzen darauf, dass in dem laufenden Ermittlungsverfahren der türkischen Behörden gegen Herrn Yücel rechtsstaatliche Regeln beachtet und eingehalten werden und er fair behandelt wird, gerade mit Blick auf die auch in der Türkei verfassungsrechtlich verankerte Pressefreiheit." Natürlich tue man alles, was man könne, um Yücel zu unterstützen. Man sei mit ihm und mit der Redaktion der Welt in Kontakt.

Der Reporter, der für die Welt aus der Türkei berichtet, hatte sich am Dienstag in ein Polizeipräsidium begeben, um Fragen zu seiner Arbeit zu beantworten. Nach Angaben der Welt geht es um Recherchen Yücels zu einem Hackerangriff auf das E-Mail-Konto des türkischen Energieministers. Nach dem derzeit geltenden Ausnahmezustand kann der Journalist bis zu 14 Tage ohne richterliche Anhörung von der Polizei festgehalten werden.

Offenbar haben die Behörden ihn wegen Enthüllungen des Hackerteams Redhack im Visier. Die Gruppe gilt in der Türkei als Terrororganisation. Im vergangenen September war Redhack an Tausende E-Mails von Energieminister Berat Albayrak, der der Schwiegersohn von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan ist, gelangt. Mehrere Medien berichteten über Inhalte aus den Mails, auch Yücel.

In den E-Mails geht es laut Welt unter anderem um die Kontrolle türkischer Medienkonzerne sowie Beeinflussung der Öffentlichkeit durch gefälschte Twitteraccounts. Die E-Mails wurden Afang Dezember auf der Enthüllungsplattfrom WikiLeaks veröffentlicht und sind seitdem allgemein zugänglich. Vor Weihnachten gab es gegen die Hackergruppe Redhack bereits mehrere Razzien; dabei wurden auch einige Journalisten festgenommen. Nach Angaben der Welt wurde Yücels Istanbuler Wohnung durchsucht, nachdem der Korrespondent sich der Polizei gestellt hatte.

Repressionen gegen regierungskritische Journalisten

Yücel ist für die türkischen Behörden kein Ausländer, sondern Türke. Dass er einen deutschen und einen türkischen Pass beseitzt, fällt aus Sicht der Regierung in Ankara nicht ins Gewicht. Einheimische Journalisten sind in der Türkei viel stärkerem staatlichen Druck ausgesetzt als ihre ausländischen Kollegen. Allerdings sind auch internationale Korrespondenten nicht mehr vor Verfolgung geschützt. So wurde Ende Dezember der US-Korrespondent des Wall Street Journal, Dion Nissenbaum, in seiner Istanbuler Wohnung von der Polizei abgeholt. Nach zweieinhalb Tagen wurde Nissenbaum wieder freigelassen. Er verließ umgehend mit seiner Familie die Türkei.

Der Chefredakteur der Welt nahm seinen Reporter in Schutz. "Unser Korrespondent Deniz Yücel leistet exzellente Arbeit", sagte Ulf Poschardt laut Welt. "Die türkische Regierung weist immer wieder darauf hin, dass die Türkei ein Rechtsstaat ist. Darum vertrauen wir darauf, dass ein faires Verfahren seine Unschuld ergeben wird." Er appellierte zudem an die türkischen Behörden, keine Untersuchungshaft für seinen Korrespondenten zu verhängen. 

Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) vom Dezember sind in der Türkei mehr als 80 Reporter im Zusammenhang mit ihrer Arbeit inhaftiert – mehr als das CPJ jemals zuvor in irgendeinem Land verzeichnet hat. Die türkische Regierung dagegen behauptet, solche Festnahmen hätten nichts mit mangelnder Pressefreiheit zu tun. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu hatte erst in der vergangenen Woche in Madrid laut einem Bericht von El Mundo gesagt: "Es gibt in der Türkei nicht einen einzigen Journalisten, der in Haft sitzt, weil er informiert oder die Regierung kritisiert hat."