“Es gibt einfache Tricks, um Desinformation zu erkennen” Ruurd Oosterwoud entwickelt mit anderen zusammen einen Fake-News-Generator. Die Idee entstand während des Referendums im vergangenen Jahr, als prorussische Falschmeldungen Stimmung gegen die Ukraine erzeugten.

Mehrere Experten, die für verschiedene europäische Geheimdienste oder Außenministerien arbeiten, sind seit einiger Zeit ziemlich ratlos. Sie müssen mitansehen, wie der Kreml es schafft, die Öffentlichkeit zu täuschen, jüngstes Beispiel war der Fall Macron in Frankreich oder der Fall Lisa in Deutschland. Was aber dagegen tun? Fake-News-Seiten verbieten und sich den Vorwurf der staatlichen Zensur gefallen lassen? Facebook entscheiden lassen, was Fake ist und was nicht? Verlage subventionieren, damit Hunderte oder gar Tausende neue Factchecker eingestellt werden können, die alternative von echten Tatsachen unterscheiden? Bisher hat noch keiner eine überzeugende Antwort auf das Problem Fake-News gefunden. Keiner, außer vielleicht Ruurd Oosterwoud.

Oosterwoud ist Ideengeber, Gründer und Projektleiter von DROG, deutsch: Trugschluss. Seine Idee vereint das, was gute Ideen ausmacht: Sie ist simpel, einleuchtend und löst ein Problem an der richtigen Stelle.

ZEIT ONLINE: Herr Oosterwoud, wie kamen Sie darauf, sich gegen Fake-News zu engagieren?

Ruurd Oosterwoud: Es begann im vergangenen Jahr. Ich arbeitete im niederländischen Außenministerium, nachdem ich mich mit Russlands Desinformation in der Ukraine beschäftigt hatte, und ich konnte nicht fassen, was damals in meinem Heimatland geschah. Das Referendum über den Assoziierungsvertrag zwischen der EU und der Ukraine führte zu einer Täuschungskampagne, wie ich sie in den Niederlanden noch nicht erlebt hatte. 

ZEIT ONLINE: Was geschah?

Oosterwoud: Das Referendum wurde gekapert. Es ging in den Zeitungen, Websites und auf Marktplätzen hauptsächlich um die Fragen: Ist man für oder gegen die EU oder die niederländische Regierung? Auszüge des Assoziierungsvertrages wurden als Toilettenpapier in Umlauf gebracht. Es trat auch eine Gruppe auf, die behauptete, aus Ukrainern zu bestehen und den Assoziierungsvertrag abzulehnen. Sie machten als Fake-Ukrainer Wahlkampf, und erst später stellte sich heraus, dass es Russen waren.

ZEIT ONLINE: Was war daran so schlimm?

Ein Entwurfsbild des Propaganda-Generators © DROG

Oosterwoud: Durch diese Aktion und durch viele Propaganda-Artikel, die in Umlauf kamen, wurden die Fakten verdreht und am Ende wussten nur wenige, worüber sie eigentlich abstimmten. Viele Bürger wurden nicht informiert, sondern desinformiert.

ZEIT ONLINE: So leicht lassen sich Niederländer vor einer Volkabstimmung täuschen?

Oosterwoud: Auch Freunde von mir sind auf Fake-News hereingefallen. Spätestens da habe ich überlegt, was ich dagegen tun kann.

ZEIT ONLINE: Kann man nicht mit den Mitteln des Rechtsstaats gegen offensichtliche Lügen vorgehen?

Oosterwoud: Es ist kaum möglich. Desinformation ist nur dann wirklich strafbar, wenn man nachweisen kann, dass die Urheber absichtlich die Unwahrheit verbreitet haben. Dieser Nachweis ist oft sehr schwer und mit viel Aufwand zu erbringen. Selbst wenn das gelingt: Bis dahin haben Hunderte oder Tausende die Fakenews auf Facebook oder Twitter bereits verbreitet.

Ein Hauptziel der prorussischen Medien ist es, Zweifel an den seriösen Medien in unserem Land zu verbreiten. Bei uns gibt es diverse Websites, die sich als journalistische Angebote ausgeben, aber wenig mit Journalismus zu tun haben. Sie nennen sich Dagelijksestandaard oder The Post Online. Sie verbreiten sogenannte 'alternative Nachrichten' und füttern damit Populisten. Angeblich haben diese Websites zwei Millionen Leser jeden Monat. Allein mit dieser Größe bewegen sie etwas. Denn andere Bürger denken, wow, die werden von so vielen Niederländern gelesen, an den angeblichen alternativen Fakten muss doch etwas dran sein.

ZEIT ONLINE: Derzeit versuchen viele Medienhäuser, einige von ihnen auch auf Anregung von Facebook, gegen Lügennachrichten mit zusätzlichen Fakt-Checkern vorzugehen.  

Oosterwoud: Das wirft neue Probleme auf. Wenn Du eine Fake-News überprüfst und die Richtigstellung irgendwo veröffentlichst, existiert die Lüge und die Überprüfung der Lüge. Also mehr Informationen, die Verwirrung um die Realität schüren. Womöglich wird dann die andere Seite wiederum ein Factcheck des ersten Factchecks machen und diese Info auch verbreiten. Journalisten sollten natürlich weiterhin Fakten prüfen. Aber gegen das neue Phänomen der Fake-News sind Factchecker alleine nicht die beste Lösung.

ZEIT ONLINE: Welchen Weg schlagen Sie vor?

Oosterwoud: Ich möchte, dass wir Fake-News erkennen lernen – wie Spam in unserem Mailpostfach. Wenn wir Fake-News wie Spam erkennen, hat Russia Today verloren.

ZEIT ONLINE: Wie soll die Spam-Mail-Erfahrung auf Fake-News übertragen werden?