Wer Jim und Sue Chilten auf ihrer Ranch besucht, blickt zuerst in die Augen eines Berglöwen. Ein elegantes Tier, die Beine ausgestreckt wie im Sprung. Doch der Puma springt nicht mehr, er dekoriert das Foyer seiner Jäger. "Er hat uns Vieh im Wert von 20.000 Dollar gestohlen", sagt Sue und lacht: "Das war sein Todesurteil."

Jim und Sue Chilten wohnen in Arivaca, Arizona, zehn Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt. Hier gilt das Recht des Stärkeren, und die Stärkeren sind im Zweifelsfall die beiden Rancher. Auf einem Hügel inmitten ihrer 20.000-Hektar-Farm haben sie sich ein Imperium errichtet. An den Wänden des Flurs bewahren sie Trophäen und Familienfotos auf, antike Indianerwerkzeuge, die sie bei Bauarbeiten gefunden haben. Von einer Rundhalle aus lässt sich die Wüste von Sonora überblicken – vom Baboquivari, dem heiligen Berg der Tohono O'odham, bis zur mexikanischen Grenze. Dorthin blicken die Chiltens mit besonderer Wachsamkeit.

Denn der Tucson-Sektor mit Arivaca ist eine der abgelegensten Gegenden im US-Grenzland, das sich über 2.000 Meilen vom Pazifik bis zum Golf von Mexiko erstreckt – daher verlaufen hier die Hauptrouten für Migranten und Drogenkuriere. Donald Trumps Plan, eine Mauer zu bauen und 5.000 weitere Grenzschutzbeamte zu stationieren, ist hier nichts Neues: Nach 9/11 ließ George W. Bush bereits Zaunabschnitte errichten und einen 100-Meilen-Streifen ins Land hinein zur Hochsicherheitszone ausbauen. Schon jetzt fliegen und fahren 21.000 Grenzschutzbeamte die Zone nicht nur ab, sondern wohnen auch darin; ihr Jahresbudget liegt nach eigenen Angaben bei 3,8 Milliarden US-Dollar.

"Als die Grenzschützer in unser Dorf kamen, war das wie ein Alptraum", sagt Carlota Wray, die seit Jahrzehnten in Arivaca lebt. Sie zieht die schwere Tür des Arivaca Aid Office hinter sich zu – der kleine Raum mit vergitterten Fenstern ist ein Zufluchtsort für Migranten, die dort Wasser und einfache medizinische Hilfe bekommen können. Schilder fordern die Border Patrol auf, vor der Tür zu bleiben – bisher halten sich die Beamten daran. Hier kann Carlota ungestört reden, während die Grenzer auf der Dorfstraße auf und ab fahren.

"Wenn ich höre, wie ihr Helikopter tief über die Wüste fliegt, kann ich nicht mehr einschlafen. Ich habe mein Pferd vor Angst durchgehen sehen und stelle mir vor, wie die Migranten sich auf den Boden pressen, bis sie eingesperrt und abgeschoben werden." Die Aufrüstung der Grenze habe ihr Leben verändert, sagt Carlota. Wer aus Arivaca heraus will, muss sich an einem Checkpoint ausweisen, ein Wachturm mit 360-Grad-Bewegungsmelder und Wärmebildkamera überragt das Dorf. Ihr hispanisch aussehender Enkel kann kaum noch zur Schule fahren, ohne vom Grenzschutz gefilzt zu werden.

Infografik: Wo die Grenze zwischen Mexiko und den USA verläuft

100 km

Karten­ausschnitt

Los Angeles

Pazifik

SAN DIEGO

Tijuana

USA

Yuma

Auf 1.130 km Länge stehen Zäune oder andere Barrieren (rot eingefärbt)

Autos stauen sich am Grenzübergang in Tijuana

Phoenix

MexiKo

TuCSon

Es gibt 48 Grenz­übergänge zwischen den USA und Mexico

Rio Grande

Metallzaun an der Grenze in Nogales

Ciudad Juárez

Chihuahua

Der natürliche Verlauf des Rio Grande bestimmt die Grenzlinie und erschwert eine lückenlose Überwachung

Eagle Pass

San Antonio

Grenzübergang in Laredo/Texas

Reynosa

Houston

Golf von Mexico

100 km

Los Angeles

Karten­ausschnitt

Pazifischer Ozean

SAN DIEGO

Tijuana

Vereinigte Staaten

Yuma

Autos stauen sich am Grenzübergang in Tijuana

Auf knapp 1.130 km der Grenze stehen bereits Zäune oder andere Barrieren (rot eingefärbt)

Phoenix

MexiKo

TuCSon

Es gibt 48 Grenz­übergänge zwischen den USA und Mexico

Metallzaun an der Grenze in Nogales

Rio Grande

Ciudad Juárez

Chihuahua

Der natürliche Verlauf des Rio Grande bestimmt die Grenzlinie und erschwert eine lückenlose Überwachung

Eagle Pass

San Antonio

Grenzübergang in Laredo/Texas

Reynosa

Houston

Golf von Mexico

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Arivaca wird zur Geisterstadt: Viele langjährige Bewohner seien nach dem Bau des Zauns weggezogen, weil die Grenzschutzbeamten die Preise nach oben treiben; ihre Gehälter sind doppelt so hoch wie der lokale Durchschnitt. Und, weil sie sich beobachtet fühlen. Trumps Wahl habe die Fronten noch verhärtet, sagt Carlota Wray.

Alle fürchten alle

Carlota Wray gehört zu den wenigen Anwohnern, die sich offen gegen die Aufrüstung der Grenze aussprechen. Ihre Freundin denkt ähnlich, doch darauf angesprochen blickt sie sich hastig auf der Dorfstraße um, lehnt flüsternd ab, darüber zu sprechen. Kritik an Trumps Mauerplänen ist schlecht fürs Geschäft, für den Ruf, für die Sicherheit.

Carlota erinnert sich an Zeiten, in denen Mexikaner über einen Viehzaun sprangen, um auf eine Party in den USA zu gehen – und andersherum. Diese Erinnerung hält sie davon ab, die Angst aller vor allen, die Milliarden Dollar und Tausende Leben kostet, für selbstverständlich zu halten: Die Angst der US-Amerikaner vor den Mexikanern, die Furcht der Rancher vor dem Fremden unterm Fenster, das Misstrauen der Anwohner untereinander, und die Angst der Migranten vor allen anderen.

Abschottung - Wer hat vor, hier eine Mauer zu errichten? Donald Trump hat per Dekret den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko beschlossen. Was wir aus der Geschichte über Mauern lernen können.