Häusliche Gewalt ist in Russland ein Riesenproblem, aber kaum jemand regt sich darüber auf. Um diesen Text zu schreiben, habe ich mit meinen Eltern gesprochen. Meine Mutter riet, über unsere Verwandte Olga zu schreiben, die von ihrem Mann regelmäßig und heftig verprügelt wird. "Er hat ihr Rippen, Kiefer und Nase gebrochen, aber sie hängt immer noch an ihrem Sergej", sagte meine Mutter ärgerlich. Mein Vater mischte sich ein: "Warum denn Sergej? Es war doch Oleg!" 

Es gibt tatsächlich zwei Olgas in der Familie, die von ihren Männern verprügelt werden, mein Vater hat sie nur durcheinandergebracht. Die eine ist meine Cousine, ihr Mann ist Sergej, die andere ist meine Tante, ihr Mann ist Oleg. Außerdem habe ich in der Familie noch die Tanten Irina, Marina, Tatiana, Natalja und die Cousine Katja, denen es allen genauso geht wie den Olgas. Alle haben Kinder. Das Haupterziehungsmittel in ihren Familien ist der Gürtel. Sie sagen, er komme nur dann zum Einsatz, wenn es einen Grund dafür gebe. All das geschieht innerhalb einer einzigen Familie, die weder besser noch schlechter ist als viele andere Familien in Russland.

Von einer Straftat zur Ordnungswidrigkeit

Derzeit wird ein Gesetz verabschiedet, das häusliche Gewalt zu einer bloßen Ordnungswidrigkeit macht. In wenigen Tagen wird es in Kraft treten.

Zuvor hatte es im Strafgesetzbuch ein Gesetz gegeben, das Prügelei in Bezug auf Familienmitglieder und Prügelei aus Hass oder Feindschaft gleichermaßen unter Strafte stellte. Der erste Teil ist jetzt nur noch eine Ordnungswidrigkeit. Aus religiösem oder ethnischem Hass darf man Menschen also weiterhin nicht verprügeln. Wenn aber ein besoffener Vater seine Familie schlägt, nur so, ohne besonderen Hass Frau und Kinder verprügelt, dann darf er das? 

Nein, denn erlaubt ist das Verprügeln von Familienmitgliedern nach wie vor nicht. Doch bei einer Ordnungswidrigkeit drohen dem Täter nur noch umgerechnet 85 bis 470 Euro Bußgeld oder Arrest bis zu maximal 15 Tagen. Vorher waren Strafen bis zu zwei Jahren Gefängnis möglich.

Armut verhindert Anzeigen

Die strafrechtliche Relevanz hatte zumindest manche Exzesse eingedämmt. Als Sergej der mit dem dritten Kind schwangeren Olga die Nase brach, stellte sie eine Strafanzeige. Sergej wollte nicht ins Gefängnis, flehte um Verzeihung und versprach, er werde nie wieder zuschlagen. Olga gab nach, verzieh ihm und zog die Strafanzeige zurück. Es half. Eine Zeit lang.

Russland - Häusliche Gewalt wird zur Bagatelle Jede fünfte Frau in Russland hat noch offiziellen Zahlen schon Gewalt durch ihren Partner erlebt. Präsident Wladimir Putin soll bald ein neues Gesetz unterzeichnet, das die Strafen für häusliche Gewalt lockert.

Wird sich von meinen Verwandten nach der neuen Gesetzeslage noch jemand an die Polizei wenden? Eher nicht. Wenn zum Beispiel Sergej umgerechnet 85 Euro Bußgeld bezahlen müsste, würde er es aus dem knappen Familienbudget nehmen müssen, worunter Olga und die Kinder wiederum leiden würden. Bekäme er 15 Tage Arrest, würde er anschließend vermutlich seine Arbeit verlieren, was die Familie noch weiter in die Armut treiben würde.  

Also wird sich Olga nach der nächsten Prügelei das Blut vom Gesicht wischen, Pflaster auf die Schrammen kleben, die blauen Flecken ertragen und weiterleben wie bisher. So werden es auch die andere Olga, Irina, Marina, Tatiana, Natalja und Katja machen.