"Der Regen wird 2015, 2016 oder 2017 erneut ausfallen": Das sagte der UN-Landwirtschaftsexperte Kevin Cleaver vor über fünf Jahren voraus, und er fuhr fort: "Aber müssen wir dann auch ausfallen?" Damals, im Sommer 2011, durchlebte Ostafrika die schlimmste Hungerkatastrophe seit 60 Jahren. 260.000 Menschen starben, die meisten in Somalia. Die Hälfte davon waren Kinder. Es hätten weniger sein können, hätten die Regierungen nicht so lange die Warnungen der Hilfsorganisationen und Fachleute vor den Folgen einer besonders harten Dürre überhört.

2016 ist nun der Regen tatsächlich erneut ausgefallen, 2017 werden Nahrungsmittel in Ostafrika wieder knapp, und die Menschen schauen abermals mit verzweifelter Besorgnis in den Himmel. Erneut sind bis zum Sommer nur schwache Niederschläge vorausgesagt. Zwölf Millionen Menschen seien gefährdet, schätzen Hilfsorganisationen: in Somalia, im Süden Äthiopiens und im Norden Kenias, bis nach Malawi.

Zugleich haben drei UN-Institutionen im Südsudan offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Dort ist die Lage noch dringlicher: Fünf Millionen Menschen hätten keinen sicheren Zugang zu Lebensmitteln, warnen die UN, und 100.000 dieser Elenden drohten akut an Unterernährung zu sterben. Schon heute. Oder morgen.

Wird also bald wieder die Chronik angekündigter Tode geschrieben werden, wie Cleaver seinerzeit befürchtete? So lautet nun die bittere Frage an die internationalen Geber. Ja mehr noch, so naiv es klingen mag: Wie kann es überhaupt sein, dass Menschen noch immer hungern?

Hunger ist menschengemacht

Schließlich wäre mehr als genug zu essen da für alle 7,5 Milliarden Bewohner dieser Welt. Schließlich sind die Mittel und Methoden besser entwickelt denn je, um Lebensmittel zu verteilen.

Und trotzdem legen seit Monaten immer mehr sudanesische Frauen ihre ausgemergelten Säuglinge erschöpft an ausgetrocknete Brüste. Trotzdem teilen sich abgemagerte kenianische Hirten das letzte Getreide mit ihrem Vieh. Trotzdem müssen rund um den Globus sogar 800 Millionen Menschen mit leerem Magen schlafen gehen. Und zwei Milliarden fehlen wichtige Nährstoffe, um gesund zu leben. Warum?

Die Antwort ist vielfältig, der Hunger hat viele Gesichter. In abgelegenen Tälern Kentuckys trifft er vielleicht einen chronisch Kranken, der sich keine Sozialversicherung leisten konnte. In Osteuropa oder Südamerika quält er Straßenkinder. In Indien reicht der Lohn einer Landarbeiterin nur für eine Mahlzeit am Tag. Oder die Familie ist zu groß geworden für einen einzigen Hektar.

Doch vorherrschend sind vor allem vier Gründe für Hunger und Unterernährung. Auch sie sind alle menschengemacht. Alle kommen jetzt in den afrikanischen Krisenregionen zusammen und verstärken sich teilweise gegenseitig.

  • Der Krieg: Er schürt die Not im nicht mal sechs Jahre alten Staat Südsudan. In brutalen Kämpfen um Macht und Öl werden auch in seinen fruchtbaren Kornkammern die Ernten niedergestampft. Seit 2013 flackert der ethnisch aufgeladene Gewaltkonflikt zwischen Dinka und Nuer immer wieder auf und vermischt sich mit lokalen Streitigkeiten um Wasser und Land. Bauern fliehen vor Warlords und plündernden Soldaten, ihre Felder liegen brach. Mittlerweile hat der Bürgerkrieg die gesamte Wirtschaft des Landes lahmgelegt. Es herrscht Inflation, und wo Gehälter und Löhne gezahlt werden, da reichen sie nicht aus, um die hohen Lebensmittelpreise zu bezahlen. In einigen Regionen verstärken unberechenbare Wetterverhältnisse die Not.
  • Der Klimawandel: Er verschlimmert den Hunger vor allem in Ostafrika. In den trockenen Regionen kommt es seit jeher zu Dürren. Doch in jüngerer Zeit wiederholen sie sich schneller, und im letzten Jahr kamen noch die Folgen des Klimaphänomens El Niño hinzu. Hilfsorganisationen haben einiges getan, um den Menschen zum Beispiel mit dürreresistentem Saatgut zu helfen. Besonders in Äthiopien setzte auch die Regierung Mittel dafür ein, kleine Deiche und Teiche anzulegen, um Regenwasser zu sammeln. Es ist tragisch, dass erste Verbesserungen mit der Beschleunigung der Dürrephasen nicht Schritt halten und die Menschen nach harter Arbeit Rückschläge erleiden. Darin kommt aber auch eine weitere Ursache des Hungers zum Ausdruck: