Eines vorweg: Die Erde hat nicht gewackelt nach dem ersten offiziellen Treffen von US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, weder in Israel noch in den USA. Dabei hatte Naftali Bennet, Bildungsminister von der ultranationalistischen Siedlerpartei Jüdisches Heim, seinen Chef vor der Abreise gewarnt: Wenn Trump und Netanjahu über einen palästinensischen Staat sprechen sollten, würde "die Erde beben." Doch selbst Bennet war nach dem gemeinsamen Auftritt von Netanjahu und Trump euphorisch. "Eine neue Ära" habe begonnen, twitterte Bennet.

Von einer neuen Ära kann man tatsächlich sprechen. Seit den Oslo-Verhandlungen in den 90er Jahren ist Trump der erste amerikanische Präsident, der vom Ziel einer Zweistaatenlösung abrückt: Ob ein oder zwei Staaten, sagte er bei der gemeinsamen Pressekonferenz, das müssten die Israelis und Palästinenser unter sich klären. Einen "großartigen Deal" würde es allerdings geben, auch wenn Trump nicht genauer sagte, wie dieser aussehen werde.

Eigentlich könnte Netanjahu also glücklich sein. Israels Rechte ist besänftigt, innenpolitisch kehrt er gestärkt nach Jerusalem zurück. Trotzdem lächelte er bei der Pressekonferenz zeitweise etwas gequält. Vermisste er etwa den alten Chef im Weißen Haus?

"Für Netanjahu war der Status quo unter Obama sehr komfortabel", sagt Peter Lintl, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Obwohl Netanjahu und Obama ihre gegenseitige Ablehnung kaum versteckten, waren es für Netanjahu acht gute Jahre: Der Friedensprozess machte keine Fortschritte, doch Konsequenzen hatte das nicht. Trotz mahnender Worte aus Washington baute Israel weitere Siedlungen, auch die Sicherheitslage blieb im Vergleich zu den Zeiten der Intifadas vergleichsweise ruhig.

Er sei überrascht gewesen, dass Trump sich so offen von der Zweistaatenlösung distanziert habe, sagt SWP-Experte Lintl. Dass der Konflikt sich nun leichter lösen lässt, kann er sich allerdings nicht vorstellen. "Die Alternativen wären für Israel mit großen Risiken verbunden".

Denkbar sind drei Szenarien:

1) Eine Annexion der größeren Siedlungen

Unterstützer der Siedlerbewegung in der israelischen Regierung wie Naftali Bennet fühlen sich durch Trump gestärkt. Sie hoffen, dass Israel nun Teile des Westjordanlands annektieren werde. Lintl hält das für eine durchaus realistische Option. Allerdings würde ein solcher Schritt vermutlich auch zu neuer Gewalt und einer weiteren Radikalisierung vieler Palästinenser führen.

2) Die Annexion des Westjordanlands

Israelische Rechte fordern diese radikale Lösung schon seit langem: Israel könnte das gesamte Westjordanland annektieren, ohne den dort lebenden Palästinensern Staatsbürgerrechte zu gewähren. Doch die Folgen wären für Israel nicht absehbar: Die Palästinensische Autonomiebehörde, die gegründet wurde, um langfristig einen palästinensischen Staat aufzubauen, könnte zusammenbrechen, eine neue Intifada wäre denkbar. Lintl hält dieses Szenario deshalb für unwahrscheinlich. "Das wäre ein Zwei-Klassen-Regime und würde dazu führen, dass Israel international geächtet würde".

3) Ein binationaler Staat in Israel und Palästina

Auch die Palästinenser reagierten schnell auf Trumps Kurswechsel: Saeb Erekat, Chefunterhändler der Palästinenser, erklärte, die einzige Alternative zu einer Zwei-Staaten-Lösung sei ein demokratischer Staat zwischen Mittelmeer und Jordan, mit gleichen Rechten für Israelis und Palästinenser. Alles andere sei "Apartheid".

Lintl hält einen binationalen Staat für unwahrscheinlich, da er das Selbstverständnis Israels als jüdischem Staat de facto untergraben würde: Ein binationaler Staat hätte keine jüdische Bevölkerungsmehrheit mehr. In Israel wäre ein solcher Vorschlag nicht mehrheitsfähig, auch die linkszionistische Opposition lehnt ihn ab. Zudem existiere nach hundert Jahren Konflikt auf beiden Seiten kaum Verständnis für ein Miteinander. "Das wäre meines Erachtens eher ein Rezept für eine Katastrophe," so Lintl.

Drohen mit dem binationalen Staat

Ein binationaler, demokratischer Staat ist aktuell also unrealistisch. Der palästinensische Unterhändler Erekat benutzt den Vorschlag allerdings auch als Drohung. Sollten die Palästinenser vom Ziel eines eigenen Staates abrücken und stattdessen von den Israelis gleiche Rechte fordern, würde das die israelische Regierung in eine schwierige Lage bringen: Netanjahu könnte international nur schwer vertreten, dass er zwar das Land und die Siedlungen für sich beansprucht, von den unter israelischer Kontrolle lebenden Palästinensern aber nichts wissen will.

Alle drei Szenarien bergen für Israel deutlich mehr Gefahren als der Stillstand der letzten Jahre. Gut möglich, dass Netanjahu deshalb versuchen wird, den Status quo so lange aufrecht zu erhalten, wie es ihm seine radikalen Koalitionspartner erlauben. Ein Weg dafür wären die von Trump und Netanjahu in Aussicht gestellten Gespräche mit arabischen Nachbarländern. Doch die Ankündigung blieb vage, zudem dürften sich die arabischen Länder kaum auf Verhandlungen einlassen, die keinen palästinensischen Staat zum Ziel hätten.