Die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten haben sich auf ihrem Gipfel in Malta auf einen Zehnpunkteplan geeinigt, der das Ziel hat, die zentrale Mittelmeerroute zu schließen, über die zunehmend Flüchtlinge in die Europäische Union gelangen. Der Weg führt sie vor allem von Libyen aus über das Mittelmeer nach Malta und Italien. Der Plan sieht daher insbesondere eine stärkere Zusammenarbeit mit dem nordafrikanischen Land vor.

So soll vor allem die libysche Küstenwache so schnell wie möglich so ausgebildet und ausgerüstet werden, dass sie von Schleuserbanden organisierte Überfahrten in Richtung Europa verhindern kann. Flüchtlinge sollen künftig in angemessenen Aufnahmeeinrichtungen in Libyen versorgt werden. Um die teils elenden Zustände in den Flüchtlingslagern zu verbessern, sollen das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) und die internationale Organisation für Migration (IOM) unterstützt werden. Außerdem soll die freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen in ihre Heimat gefördert und der Grenzschutz zu Libyens Nachbarstaaten verstärkt werden. Das Land, in dem seit Jahren Bürgerkrieg herrscht, ist mit Abstand das wichtigste Transitland für Migranten, die von Afrika nach Europa wollen.

Der Plan der Staats- und Regierungschefs sieht ferner vor, Informationskampagnen auszubauen, die über die Gefahren der illegalen Migration aufklären, und darüber hinaus mögliche Alternativrouten zu überwachen. Über die zentrale Mittelmeerroute kamen im vergangenen Jahr mehr als 180.000 Menschen nach Europa. Tausende weitere ertranken, weil ihre nicht seetüchtigen Boote kenterten. Der Zehnpunkteplan folgt inhaltlich einem erst am Donnerstagabend geschlossenen Flüchtlingsabkommen zwischen Italien und der libyschen Einheitsregierung. Darin verspricht Italien Libyen Geld, die beschleunigte Ausbildung der libyschen Küstenwache und mehr Ausrüstung.

Die EU fürchtet ab dem Frühjahr einen neuen starken Anstieg der Flüchtlingszahlen über das zentrale Mittelmeer. Nach Angaben von EU-Vertretern gibt es Schätzungen, wonach derzeit 300.000 bis 350.000 Flüchtlinge in Libyen auf die Überfahrt nach Europa warten. Die maltesische Regierung, die derzeit den EU-Ratsvorsitz führt, hatte für ein Flüchtlingsabkommen nach dem Vorbild der Vereinbarung mit der Türkei plädiert, stieß aber wegen der unsicheren Lage in Libyen auf Vorbehalte bei den anderen EU-Ländern.

Hilfsorganisationen kritisieren die Pläne der EU. Eine Zusammenarbeit mit Libyen, die vor allem der Abwehr von Migranten und Flüchtlingen diene, werfe die europäischen Grundwerte über Bord, kritisierte Oxfam. Die Organisation Pro Asyl und der Paritätische Wohlfahrtsverband sprachen in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel von einem "Tiefpunkt europäischer Flüchtlingspolitik".

Balkanroute - So viele Flüchtlinge sitzen in Südeuropa fest Seit fast einem Jahr ist die Balkanroute für Flüchtlinge faktisch geschlossen. Entlang der Strecke leben noch immer Geflüchtete unter schwierigen Bedingungen.

Die Migrationskrise ist Hauptthema der 28 EU-Staats- und Regierungschefs bei dem Sondertreffen in Maltas Hauptstadt Valletta. Am Nachmittag wollen die Vertreter der anderen 27 Länder ohne die britische Premierministerin Theresa May beraten, wie es für die EU nach dem geplanten Austritt Großbritanniens weitergeht.