Es liegt eine gewisse Ironie darin, wenn ein Mitglied der Regierung von Donald Trump seinen Posten aufgeben muss, weil er nicht die Wahrheit gesagt hat. Das führt in dieser Mannschaft ja eher dazu, dass einem der US-Präsident auf die Schulter klopft. Solange die Lügen – in diesen Kreisen: alternative Fakten – dazu geeignet sind, den Chef in seinem Weltbild und Ego zu bestätigen, ist alles in Ordnung.

Trumps Nationaler Sicherheitsberater Mike Flynn war von Beginn an wegen seiner Kontakte nach Russland umstritten – wenn auch nicht in den eigenen Reihen, so doch in der kritischen Öffentlichkeit. Die Befürchtung: Dass Moskau massiven Einfluss auf die Politik des kommenden Präsidenten ausüben könnte; Flynn als trojanisches Pferd, damit die USA den weltpolitischen Machtbestrebungen Russlands freie Hand lassen würden. Im staatlichen russischen Propagandasender Russia Today trat er mehr als einmal auf. Bei einem festlichen Dinner des Senders in Moskau saß er neben dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und strich für diesen Abend möglicherweise ein Honorar von der russischen Regierung ein. Und seine Beziehungen zu russischen Geheimdiensten waren schon früher eng. Das alles war vor Trumps Amtsantritt und hielt den nicht davon ab, den pensionierten Dreisternegeneral als einen der wichtigsten Berater ins Weiße Haus zu holen.

Doch offenbar ist es nicht bei diesen öffentlich zu begutachtenden Auftritten geblieben. Das FBI betreibt seit Längerem Ermittlungen, wie eng die immer wieder befürchteten Kontakte von Trumps Mitarbeitern zur russischen Regierung wirklich sind. Das Justizministerium hatte unter anderem routinemäßig abgehörte Telefonate vorliegen, die Flynn im Dezember mit dem russischen Botschafter in Washington, Sergej Kisljak, führte. Die im Januar durchgesickerten Vorwürfe, er habe dabei auch über eine mögliche Lockerung der US-Sanktionen gegen Russland gesprochen beziehungsweise diese sogar indirekt versprochen, hatte Flynn zurückgewiesen. Kisljak selbst bestätigte später eine ganze Reihe von Kontakten mit Flynn: per Textnachricht, am Telefon und persönlich. Sanktionen? Kein Kommentar.

Das alles schien schon wenig glaubwürdig, als bekannt wurde, dass Flynn und Kisljak allein an einem Tag fünfmal miteinander sprachen. An dem Tag nämlich, als die Obama-Regierung neue Sanktionen gegen Russland verhängte, wegen dessen mutmaßlicher Einflussnahme auf die Präsidentschaftswahl durch Hackerangriffe.

Nicht gleich an den Sieg der Vernunft glauben

Im Weißen Haus, so weiß man nun, kam auf der Grundlage der abgehörten Gespräche die Sorge des Justizministeriums zur Sprache, Flynn könne durch die russische Regierung erpressbar sein. Nach außen jedoch blieb es bei der Darstellung, es sei lediglich um die Vorbereitung der ersten Kontakte der kommenden Trump-Regierung zu Putin gegangen – alles ganz normal also. Insbesondere Vizepräsident Mike Pence verteidigte Flynn vehement, schließlich hatte der ihm versichert, es sei nichts dran an den Vorwürfen. Derart belogen und blamiert, soll Pence schließlich durchgesetzt haben, dass Flynn gehen muss: Klar, heimlich selbst Politik betreiben und dem eigenen Team etwas verheimlichen, das dann blöd dasteht – geht gar nicht.

Doch so schnell sollte man dem Narrativ nicht folgen, das Trumps Leute sicherlich am liebsten verbreiten würden: Der faule Apfel ist aussortiert, jetzt ist wieder alles so, wie es sein soll. Nein, ist es nicht.

Oder die Hoffnung, die sich immer wieder so leicht in das Bild dieser Präsidentschaft drängt: Pragmatische, ja vernünftige Politik werde am Ende über die ideologischen Einflüsse siegen. Weil mit Flynn einer der fanatischen Köpfe dieser Regierung gehen muss, wollen einige sicher gleich fröhlich positive Schlüsse ziehen: Das Anbiedern an Russland habe einen entscheidenden Dämpfer erhalten und womöglich werde auch der angekündigte Krieg gegen den radikalen Islamismus etwas weniger total ausfallen. Überhaupt, sei das doch eine gute Nachricht: Die demokratische Kontrolle der Regierung funktioniert, und die kritischen Medien haben viel dazu beigetragen.

Letzteres mag stimmen. Allerdings ist Flynns Abschied weder das Ende aller Fragen, wie Trump es mit Russland, der Moral und dem Geschäft hält; noch ist diese Anekdote ein überzeugender Beleg dafür, dass nun die Ideologen in Trumps Team an Bedeutung verlieren. Journalisten und Bürger können sich freuen, dass die offensichtlichen Machtkämpfe und Unsicherheiten im Weißen Haus dazu führen, dass derart umfangreich wie selten zuvor Vertrauliches an die Presse durchgestochen wird – aber eigentlich ist das sehr beunruhigend.

Die Fragen bleiben und werden drängender, je mehr vom inneren Tumult dieser Regierung an die Öffentlichkeit gelangt. Warum hat es so lange gedauert, Flynn loszuwerden, wenn die Erkenntnisse über ihn doch im Weißen Haus bekannt waren? Unwahrscheinlich, dass sie diskutiert wurden, ohne Trump einzubeziehen. Und dann auch wieder nicht. Handelte Flynn allein, oder hatte er einen Auftrag? Wenn ja, von wem? Wer verdammt noch mal hat eigentlich das Sagen? Flynns Rücktritt wird Trump keine Ruhe bringen. Um es mit seinen Worten zu sagen: Wir müssen wissen, what the fuck is going on.