Vom Rest der Welt bekomme ich immer am meisten mit, wenn ich sehr häuslich bin. Vor ein paar Wochen habe ich das zuletzt erlebt. Ich war wegen einer starken Erkältung nicht im Büro und verbrachte viel Zeit mit Tee, Taschentüchern und iPad auf meinem Sofa. Ich war zu fiebrig, um wirklich zu arbeiten, aber wach genug, um im Netz amerikanische Talkshows und internationale Nachrichtensendungen anzusehen. Außerdem las ich Facebooknachrichten von Freunden und Verwandten, die im Ausland leben oder auf Reisen sind. Mein normaler Journalistenalltag sieht von außen wahrscheinlich kosmopolitischer aus als diese Stubenhockerei. Aber das täuscht. An gewöhnlichen Arbeitstagen nehme ich regelmäßig internationale Zeitungen vom Büro mit nach Hause und bringe sie am nächsten Tag ungelesen zurück.

Seit dieser Erfahrung schaue ich skeptischer auf alle Berichte über die angeblich Abgehängten in der Provinz. Ich misstraue allen, die vom Lebensort Schlüsse auf das Weltbild ziehen. Dass sich auf dem Dorf Halbbildung und dumpfes Ressentiment konzentrieren sollen, widersprach schon vorher meiner Lebenserfahrung. Aber jetzt fällt mir noch mehr auf, wie viele Berichte über die US-amerikanische Präsidentschaftswahl und über die Wähler von Donald Trump genau das unterstellen. Auch für die Deutung von Wahlergebnissen in Europa hat sich eine Sicht durchgesetzt, wonach Liberalität und Weltoffenheit vor allem in großen Städten zu finden sind.

Städter suchen die Landverbundenheit

Tatsächlich sind heutzutage die allermeisten Menschen gleichzeitig Weltbürger und Provinzler. Wer auf dem Land lebt, weiß deshalb nicht zwangsläufig weniger über Lebensumstände in fremden Ländern. Andersherum sind es gerade Städter, die ihre Landverbundenheit oft bis an die Schmerzgrenze kultivieren. In frisch eröffneten Cafés in Berlin-Mitte wird Kuchen jedenfalls auf Holzbrettchen serviert, von Kellnern mit Bärten, Holzfällerhemden und robusten Outdoorschuhen. In den Kiosken hängt die neuste Ausgabe der Landlust ganz oben.

Wie wenig der Lebensort über Weltbild und Wissensstand aussagt, wurde mir zuletzt bewusst, als ich vor ein paar Jahren ein Semester an einer amerikanischen Universität verbringen durfte. Ich saß dort in Hörsälen mit Studenten aus vielerlei Ländern, die parallel zu den Vorlesungen auf ihren Laptops Nachrichten aus ihren Heimatländern verfolgten. Ich selbst sah deutsche Talkshows und Nachrichtensendungen und meine damals vierjährige Tochter schaute weiterhin Woche für Woche Die Sendung mit der Maus. Nach unserer Rückkehr erstaunten wir Freunde damit, wie detailliert wir die Ereignisse der zurückliegenden Wochen verfolgt hatten.

Martin Schulz vereint Heimatliebe und Weltoffenheit

Dennoch wird über die Provinz berichtet, als lebten die meisten Menschen dort einsam, abgestumpft und abgeschieden. Natürlich gibt es in Dörfern und Kleinstädten Bewohner, für die diese Beschreibung stimmt: Menschen, die nichts im Internet lesen und sich selten aus der Heimat wegbewegen. Aber oft führt Abgeschiedenheit und vor allem Langeweile eben auch zu mehr Onlinepräsenz als ein pralles Stadtleben mit Sozialkontakten und Ablenkungen. Am Ende ist es einfach zu schlicht, aus dem Lebensmittelpunkt von Menschen zu viele politische Schlussfolgerungen zu ziehen. Das gilt vor allem für Deutschland, wo es auch jenseits von München, Hamburg und Berlin eine gute Infrastruktur gibt und beispielsweise die Zahl und Dichte kleiner Theater oder Museen weltweit ohne Beispiel ist.

Der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, scheint erkannt zu haben, dass zum Lebensgefühl vieler Menschen heute eine Mischung aus Heimatliebe und Interesse am Rest der Welt gehört. Zumindest verbindet er ein Bekenntnis zur Provinz mit Internationalität. Er redet ständig über seinen Heimatort Würselen und die dort lebenden Menschen, lässt dabei aber gern auch durchblicken, dass er das theoretisch in mehreren Sprachen tun könnte und dass er über seinen Twitteraccount mehr als 300.000 Menschen in ganz Europa erreicht.