ZEIT ONLINE: Herr Darwish, wie Amnesty International aufgedeckt hat, wurden in der syrischen Haftanstalt Saydnaya von 2011 bis 2015 bis zu 13.000 Menschen exekutiert. Viele andere seien systematisch gefoltert worden. Hat Sie der Bericht überrascht?

Mazen Darwish ist ein syrischer Journalist und Anwalt. Er ist Präsident des Syrischen Zentrums für Medien- und Meinungsfreiheit (SCM). Darwish wurde im Februar 2012 in Damaskus verhaftet und bis zu seiner Freilassung im August 2015 in Foltergefängnissen des syrischen Regimes gefangen gehalten. Seit November 2015 lebt Darwish in Berlin. Für seinen Einsatz für die Menschenrechte und Pressefreiheit wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Mazen Darwish: Nein, keinesfalls. Ich habe viele der darin beschriebenen Gräueltaten selbst jeden Tag erlebt. Deswegen habe ich auch bereits mehrfach Briefe an Staffan di Mistura, den UN-Sondergesandten für Syrien, geschrieben. Darin habe ich die Zustände in den syrischen Foltergefängnissen beschrieben. Und ihn gebeten, die massenhaften Exekutionen in den Militärgefängnissen zu beenden. Nicht nur ich als Betroffener weiß, dass es diese systematische Folter gibt, sondern wohl alle Organisationen, die sich mit Syrien befassen.

ZEIT ONLINE: In dem Bericht steht auch, dass vor allem Zivilisten davon betroffen waren. Können Sie das bestätigen?

Darwish: Ja. Gerade am Anfang der Syrienkrise, also 2011 und 2012, brachten sie fast ausschließlich Zivilisten in die Foltergefängnisse. Viele waren noch nicht einmal Aktivisten oder Oppositionelle. Das Regime hat in der Zeit oft wahllos Massenverhaftungen durchgeführt. Sie sind einfach in Dörfer oder Stadtteile gefahren und haben Dutzende Menschen mitgenommen. Sie alle haben viele Grausamkeiten erlebt, viele haben die Haft nicht überlebt. In Saydnaya ist die Folter noch nicht einmal am Schlimmsten, denn es ist ein offizielles Gefängnis. Die geheimen Folterkeller, sowohl des Regimes als auch der Milizen, sind noch um einiges brutaler.

Syrien - Amnesty International berichtet von Massenhinrichtungen Amnesty hat 84 Menschen befragt, die als Gefangene, Wärter oder Anwälte im syrischen Sednaya-Gefängnis waren. Basierend auf ihren Aussagen hat die Organisation rekonstruiert, wie dort Folter und Hinrichtungen stattfanden. © Foto: Amnesty International

ZEIT ONLINE: Sie selbst saßen dreieinhalb Jahre in den geheimen Gefängnissen des Regimes. Wie kam es dazu?

Darwish: Gleich zu Beginn der Revolution 2011 hatte ich gemeinsam mit Freunden das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten dokumentiert. Im Februar 2012 wurde dann das Büro meiner Pressefreiheitsorganisation in Damaskus gestürmt. Mit mir wurden mehrere Mitarbeiter, darunter auch meine Frau, verhaftet. Ich kam dann in verschiedene geheime Militärgefängnisse in und um Damaskus. Am Anfang ging es nur darum, mich zu bestrafen, noch nicht darum, irgendwelche Informationen aus mir herauszupressen.

ZEIT ONLINE: Wo waren Sie da?

Darwish: Ich hatte in der Zeit keinerlei Kommunikation mit der Welt draußen. Ich wusste anfangs nie, wo ich war. Sie holten mich nachts aus der Zelle, verbanden mir die Augen, und brachten mich in ein anderes Foltergefängnis. Einige davon waren nah an meiner Wohnung und meinem Büro. Ich hatte all die Jahre nicht gewusst, dass sie existieren. Zunächst war ich ein halbes Jahr in einem Militärgefängnis in Damaskus, dann fast ein Jahr in einem Gefängnis des Luftwaffengeheimdienstes, also auf dem Stützpunkt des Militärflughafens in Mezzeh.

ZEIT ONLINE: Wie waren die Zustände dort?

Darwish: Katastrophal. Sie folterten uns immer wieder. Sie verpassten mir Elektroschocks, sie schlugen mich, hingen mich an meinen Händen an der Decke auf. Einmal dachten sie, ich sei tot und warfen meinen Körper neben eine Leiche. Irgendwann bemerkten sie dann, dass ich noch lebte und warfen mich zurück in die Zelle. Sie hatten in den kleinen Zellen Dutzende Menschen zusammengepfercht. Viele wurden schwer krank wegen der mangelnden Hygiene. Es gab kaum etwas zu Essen, man durfte nur einmal pro Tag auf die Toilette, sie verbanden uns die Augen.

ZEIT ONLINE: Wohin kamen Sie dann?

Darwish: Ich wurde später in sogenannte Untersuchungsgefängnisse gebracht, wo es darum ging, Informationen aus mir herauszubekommen. In einem war ich neun Monate. Diese spezifischen Folterzentren sind am schlimmsten. Dort tun sie alles, um etwas aus den Leuten herauszubekommen, um Geständnisse zu erzwingen für Verbrechen, die man nie begangen hat. Dort habe ich alles erlebt: Elektroschocks, Schläge, Schlafentzug. Sie hielten meinen Kopf unter Wasser, hingen mich an den Händen an der Decke auf. Einmal sperrten sie mich im tiefsten Winter für drei Tage nach draußen in den Hof.

ZEIT ONLINE: Haben Sie je Massenerhängungen gesehen, wie Amnesty es in dem Bericht beschreibt?

Darwish: An diesen Orten sterben jeden Tag Menschen. Das ist ziemlich normal in solchen Foltergefängnissen. Ich habe nie direkt diese Erhängungen gesehen, aber es war klar für uns, dass diese Dinge passieren.