ZEIT ONLINE: Frau di Giovanni, in Genf beginnt gerade die nächste Runde der Syrien-Friedensgespräche. Erwarten Sie da einen Durchbruch?

Janine di Giovanni: Nein, eher nicht. Sowohl die Vereinten Nationen als auch die westlichen Führungen spielen bei den Verhandlungen um Syriens Zukunft keine Rolle mehr. Es hängt jetzt alles an der Türkei und Russland. Das Leid der Menschen in Syrien ist immens und der Krieg muss dringend beendet werden. Aber danach sieht es derzeit nicht aus.

ZEIT ONLINE: Sie haben 2012 miterlebt, wie aus dem friedlichen Aufstand in Syrien ein Krieg wurde. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Janine di Giovanni ist eine vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Kriegsreporterin und Autorin. Sie hat aus zahlreichen Konfliktgebieten berichtet, darunter Bosnien, Afghanistan, Ruanda, Somalia, Südsudan. 2012 berichtete sie über den beginnenden Krieg in Syrien. Ihre Reportagen aus der Zeit veröffentlichte sie 2016 in dem Buch "The Morning They Came for Us. Dispatches from Syria" bei Bloomsbury. © Pacific Press Agency/imago

Di Giovanni: Viele Syrer waren überrascht, als aus den friedlichen Straßenprotesten plötzlich ein bewaffneter Konflikt wurde. Viele der Menschen, mit denen ich sprach, hatten nicht erwartet, dass ihr Land plötzlich von der Gewalt auseinandergerissen wird. Gerade die jungen Syrer sahen, dass die Revolutionen in den anderen arabischen Ländern bis auf Libyen anders verliefen und nicht in einen Krieg mündeten. Die Entwicklungen in Tunesien und vor allem Ägypten sind zwar auch besorgniserregend, aber dort herrscht kein Bürgerkrieg.

ZEIT ONLINE: Mittlerweile geht der Krieg in Syrien ins sechste Jahr. Was hat der Westen falsch gemacht?

Di Giovanni: Der größte Fehler war zweifelsohne, dass die US-Regierung 2013 zwar den Einsatz von Chemiewaffen durch das syrische Regime als erwiesen ansah – aber nicht handelte. Statt einer Intervention kamen 2015 die Russen ins Spiel und unterstützten Assad, der seine Macht sonst wohl nicht mehr hätte halten können. Ab da hatte die Opposition keine Chance mehr. Mittlerweile ist es ein Stellvertreterkrieg, in den Dutzende Akteure aus der Region involviert sind. Durch diesen Krieg wird die Region für die nächsten Jahrzehnte destabilisiert bleiben. Er hat eine Flüchtlingsbewegung in Gang gesetzt, die uns ebenfalls noch Jahrzehnte beschäftigen wird. Ich denke: Assad hat diesen Krieg gewonnen.

ZEIT ONLINE: Auch deshalb, weil der US-Präsident Donald Trump ihn unterstützen möchte?

Di Giovanni: Donald Trump wird das politische Gefüge im Nahen Osten nachhaltig verändern, und das nicht im positiven Sinne. In Israel unterstützt er mit Netanjahu einen Premier, der sehr rechts und ein Ideologe ist. Er rückt offiziell von der Zweistaatenlösung ab und verwirft damit die Ergebnisse von jahrzehntelanger diplomatischer Arbeit. Wenn Trump durchsetzt, dass die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt wird, könnte das auf palästinensischer Seite die nächste Intifada auslösen. Auch wenn Trump den Atomdeal mit dem Iran aufkündigt, würde das ein gefährliches Signal senden. Der Atomdeal war für den Iran die Chance, aus der jahrzehntelangen Isolation herauszukommen. Trump ist besessen von seiner Angst vor nuklearen Waffen. Dabei hat er keinerlei Verständnis für die Konflikte in der Region, etwa zwischen Sunniten und Schiiten. Das wird noch großen Schaden anrichten.

ZEIT ONLINE: Den syrischen Präsidenten Assad will Trump im Kampf gegen den Terror unterstützen.

Di Giovanni: Trumps Blick auf Syrien ist sehr vereinfacht. Er sieht Syrien vor allem als Schlachtfeld eines Kampfes gegen den sogenannten "Islamischen Staat". Dafür verbündet er sich mit Assad und Putin, die, wie wir wissen, vor allem Zivilisten umbringen und keine Terroristen.

ZEIT ONLINE: In Ihren Reportagen beschreiben Sie die Zeit, als Assad die Proteste im Land brutal niederschlug, die Unsicherheit, die Furcht vor Fassbomben, das Hungern. Sie beschreiben aber auch, wie bei vielen Menschen der Alltag weiterging.

Di Giovanni: Ja. In Damaskus etwa war ich in einer Blase. Dort ging in einigen Vierteln das Leben noch ganz normal weiter. Viele Menschen haben geleugnet, dass gerade ein Krieg in ihrem Land beginnt. Sie sind zur Arbeit gegangen, haben ihre Kinder in die Schulen geschickt, Partys gefeiert. Dieses Phänomen habe ich im Krieg immer wieder gesehen: dass viele Menschen versuchen, bis zum absoluten Ende an ihrem Leben festzuhalten. In Homs, Aleppo oder Hama konnten die Menschen 2012 die Veränderungen freilich nicht mehr leugnen. Dort war der Krieg schon in vollem Gange.