Was die Polen fürchten, haben die russischen Streitkräfte in Manövern bereits geübt: Angriffe mit Kurzstreckenraketen und Marschflugkörpern. "Diese Raketen könnten auch Nuklearsprengköpfe tragen", sagt Jacek Durkalec, Nuklearspezialist am Polnischen Institut für Internationale Beziehungen. Der Mann hat Grund zur Sorge: Die russische Armee hat in jüngster Zeit zahlreiche solcher Raketen in Kaliningrad stationiert, dem ehemaligen Königsberg. Dreihundert Kilometer sind es von dort bis Warschau. Schon mit ihrer Reichweite von unter 500 Kilometern könnten die Iskander-Raketen Polens Hauptstadt treffen.

Solche Szenarien galten lange Zeit als rein hypothetisch. Denn es gibt ja das mächtige Nato-Bündnis mit seinen wechselseitigen Beistandsverpflichtungen. US-Verteidigungsminister James Mattis hat es auf dem Nato-Treffen in Brüssel soeben noch mal das "grundlegende Fundament" der transatlantischen Beziehungen genannt. Dazu gehören der nukleare Schirm der USA – und die Abschreckung.

Doch sein Chef, der neue US-Präsident Donald Trump, hat gerade mal zwei Sätze benötigt, um das rückhaltlose Vertrauen der Europäer in die nukleare Schutzgarantie der Supermacht zu zertrümmern: "Die Nato ist obsolet", lautet der eine. Und der andere: "Die Länder, die wir verteidigen, müssen dafür bezahlen. Tun sie das nicht, müssen die USA bereit sein, diese Länder sich selbst verteidigen zu lassen." Neben dem Vertrauen der Europäer hat Trump auch die Befürchtungen der Russen zerstreut, dass Gleiches in jedem Fall mit Gleichem vergolten wird. Eine Zäsur in der Nuklearpolitik. 

Nicht-nukleare Staaten stecken in einem Dilemma

Jaróslaw Kaczyiński, Chef der Regierungspartei PiS und Polens starker Mann, fordert als Antwort auf die veränderte Bedrohung seines Landes nichts weniger als eine neue nukleare Weltordnung – und europäische Aufrüstung: "Eine eigene Atommacht müsste mit Russland mithalten können", sagte er der FAZ. Mit diesem Vorstoß zerrte der zu radikaler Rhetorik neigende Kaczyiński ein Thema ans Licht der Öffentlichkeit, das auch besonnene Europäer umtreibt. Behutsamer, aber keine Option ausschließend, formuliert es EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker: "Wenn sich Europa nicht um seine eigene Sicherheit kümmert, wird es niemand anderes für uns tun."

Muss Europa atomar aufrüsten, wenn Donald Trump den Nuklearschirm zuklappt? Worauf beruht Europas Abschreckung der Zukunft? Die Debatte ist nun eröffnet – und mit der Münchner Sicherheitskonferenz an diesem Wochenende wird sie Fahrt aufnehmen. In Deutschland wird sie bisher verdrängt. Auch weil Wahljahr ist. Wer den Deutschen da mit der Idee kommt, Europa müsse nuklear aufrüsten, braucht gar nicht erst anzutreten – davon sind die Wahlkampfstrategen überzeugt. Doch der Problemdruck ist so groß, dass Schweigen keine Antwort mehr ist. Gerade nicht-nukleare Staaten wie Deutschland stecken in einem tiefen Dilemma, sollten die USA nicht mehr bedingungslos für sie einstehen. Die Wucht der Nukleardebatte wird die Politiker dazu zwingen, sich zu positionieren.  

"Wir könnten, wenn wir wollten." Das ist der nukleare Konjunktiv, die schreckliche, abschreckende Botschaft der Atomwaffe. "Wir könnten, wenn wir wollten" war mehr als 70 Jahre lang, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis heute, der Garant dafür, dass sich Spannungen zwischen Ost und West nie in einem offenen Krieg entluden. Jeder Versuch, den Gegner zu vernichten, würde mit der eigenen Vernichtung enden.

Nukleare Abschreckung braucht zwei Dinge: Hardware und Software. Einerseits atomar aufgerüstete Raketen, Bomben und Marschflugkörper. Andererseits das Vertrauen der Verbündeten, dass die Garantie im Ernstfall gilt. Ivo Daalder, Ex-Nato-Botschafter der USA und Chef des Chicago Council on Foreign Affairs, formuliert es so: "Bei Atomwaffen vertrauen die Verbündeten darauf, dass dieses Land seine eigene Zerstörung für ihre Verteidigung riskiert." Ein großes Versprechen, das für die Europäer Sicherheit zum Spartarif lieferte. Unter dem US-Schutzschirm versammelten sich all jene Nato-Partner, die keine Atomwaffen haben: wie Deutschland, Spanien, Italien, die Türkei, seit 2004 auch Polen und die baltischen Staaten. Deshalb war es vor Trump auch nur halb so bedrohlich, was sich östlich der Nato-Grenzen tat.