Präsident Wladimir Putin hat die Nuklearwaffen neu entdeckt und sie vom letzten Mittel der Verteidigung zur taktischen Waffe im Krieg erklärt. Die russische Militärdoktrin von 2013 sieht den möglichen Einsatz von Nuklearwaffen nicht erst bei einem feindlichen atomaren Angriff vor, sondern schon in einem konventionellen Krieg, der für Russland existenziell zu werden droht. Russland baut auf Nuklearwaffen als integralen Teil seiner Militärstrategie, während der Westen sie als letztes Mittel sieht. Hier dreht sich die Logik aus dem Kalten Krieg. Damals behielt sich die Nato mit der flexible response, der variablen Antwort auf einen Angriff, vor, Atomwaffen jederzeit einzusetzen. Die Unsicherheit für die damals konventionell weit überlegene Sowjetunion war beabsichtigt. Heute spielt Russland mit dieser atomaren Unberechenbarkeit.

Vertrauenskrisen gab es auch schon im Kalten Krieg. Als die Sowjetunion in den 1970er Jahren begann, SS-20-Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, befürchtete Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass die Abschreckung der Amerikaner durch Langstreckenraketen im Ernstfall nicht glaubwürdig sei. Zweifel am nuklearen Konjunktiv kamen auf: Wollten die Amerikaner im Ernstfall wirklich noch? In einer Rede in London 1977 forderte Schmidt Gegenmaßnahmen der Nato. Zwei Jahre später folgte der Nato-Doppelbeschluss: Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen und Marschflugkörpern in Westeuropa und ein Abrüstungsangebot an die Sowjets. Die  Abschreckung funktionierte wieder – und am Ende wurden alle Raketen abgerüstet.

Doch die Situation heute unterscheidet sich in einem zentralen Punkt: Damals mussten Europäer und Amerikaner zueinander finden, um eine Sicherheitslücke zu schließen. Heute müssen die Europäer, wenn Trump so weiter macht, ihre Sicherheit allein organisieren. Damals musste die Nato zurück zur Geschlossenheit finden, heute muss Europa womöglich Neues wagen: eine eigene Abschreckung.

May verknüpft Brexit mit Raketen

Mehr Engagement forderte schon US-Präsident Barack Obama von Europa. Doch selbst auf nicht-nuklearer Ebene folgen dem nur wenige EU-Staaten. Die Selbstverpflichtung der Nato-Mitglieder, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes in die Verteidigung zu investieren, erfüllen in Europa gerade mal Estland, Griechenland und Großbritannien. Viele Regierungen, besonders in Ostmitteleuropa, sperren sich gegen eine effizientere Verzahnung der Streitkräfte. Zusammenarbeit geloben alle, aber auf Souveränitätsrechte verzichten wollen wenige. Da liegt das Problem: Wenn man sich in der EU noch nicht einmal auf einen gemeinsamen Kampfpanzer einigen kann, wie soll man da zu einheitlicher Haltung in der Nuklearpolitik kommen?    

Europäische Nuklearstrategen zeigen nun auf zwei Staaten – Frankreich und Großbritannien. Nur sie haben Atomraketen, mit denen sie theoretisch auch für andere Staaten garantieren könnten. Das europäische Machtgefüge würde sich zu ihren Gunsten verschieben. Frankreichs Nuklearstreitmacht wurde unter Präsident Charles de Gaulle 1958 gegründet. Die Force de Frappe besteht heute im Wesentlichen aus Raketen mit einer Reichweite von einigen 100 bis zu 8.000 Kilometern. Dazu kommen Bomben. Die Raketen sind auf Kampfflugzeugen und auf Atom-U-Booten stationiert, von denen das modernste 2008 vom Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy auf den klingenden Namen Le Terrible (Der Schreckliche) getauft wurde.

Großbritannien ist die einzige Atommacht, die ausschließlich auf seegestützte Systeme setzt. Vier Atom-U-Boote der Vanguard-Klasse sind im schottischen Faslane-on-Clyde stationiert. Jedes U-Boot kann mit maximal 16 Trident-(Dreizack) Interkontinental-Raketen bestückt werden.

Der Schreckliche und der Dreizack, das ist, was Frankreich und Großbritannien den anderen Europäern notfalls bieten könnten. Wenn sie denn wollten.   

Die britische Premierministerin hat schon mal deutlich gemacht, wie sie diese neue Macht einzusetzen gedenkt – als Hebel in den Brexit-Verhandlungen mit der EU. Bei einer Grundsatzrede zum EU-Ausstieg Ende Januar betonte Theresa May zunächst ausdrücklich, dass Großbritannien und Frankreich nicht nur "die einzigen Nuklearmächte Euopas" seien, sondern auch die einzigen europäischen Länder mit permanenten Sitzen im UN-Sicherheitsrat. Dann droht sie: Sollte die EU Großbritannien bei den Brexit-Verhandlungen bestrafen wollen, hätte das Konsequenzen für die Sicherheitspolitik. Im Klartext: Schutz durch britische Atom-U-Boote gibt es nur, wenn die EU in Handelsfragen nachgibt.