Das Weiße Haus hat eine Liste mit 78 Terroranschlägen veröffentlicht, die die Behauptung von US-Präsident Donald Trump stützen soll, die Medien würden islamistische Anschläge in Europa ignorieren. Die Liste enthält allerdings zahlreiche Vorkommnisse, über die weltweit ausführlich berichtet wurde, darunter etwa der Anschlag auf den Musikclub Bataclan in Paris 2015, das Attentat in Nizza im Sommer 2016 sowie den Anschlag auf eine gemeinnützige Einrichtung im kalifornischen San Bernardino 2015. In der Aufzählung findet sich auch der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt im vergangenen Dezember. Darunter sind aber auch kleinere Terrorattacken im Nahen Osten, bei denen nur wenige oder gar keine Menschen getötet wurden. Aufgelistet werden Ereignisse aus der Zeit zwischen September 2014 und Dezember 2016. Die Washington Post veröffentlichte die Liste.

"Überall in Europa passiert es", hatte Trump am Montag vor rund 300 Soldaten auf einer Luftwaffenbasis in Florida mit Blick auf Attentate von Islamisten gesagt. Und hinzugefügt: "Es ist bis zu einem Punkt gekommen, an dem nicht einmal mehr darüber berichtet wird." In vielen Fällen wolle "die sehr sehr unehrliche Presse" nicht darüber berichten.

Die Medien hätten ihre Gründe dafür. "Und ihr versteht das", sagte Trump zu den Soldaten. Konkrete Beispiele dazu, welche Medien er beschuldigt oder um welche Anschläge es sich gehandelt haben soll, nannte Trump nicht. Auch in seiner Rede erwähnte er die Anschläge in Paris und Nizza. Trump wollte mit der Aussage seine Position im Rechtsstreit um sein Einreiseverbot für Bürger aus sieben vordringlich islamisch Ländern stärken.

Mitarbeiter des Weißen Hauses behaupteten nach der Veröffentlichung der Liste laut CNN, über die "meisten" der Anschläge sei von westlichen Medien nicht angemessen berichtet worden. Die Liste zeige, dass Anschläge durch Terroristen an Nachrichtenwert verlören, weil sie so häufig geworden sein, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. Noch vor einigen Jahren wäre jedes der Ereignisse auf der Liste als besonders wichtig wahrgenommen worden, behauptete er. Dies habe sich geändert. "Es kann nicht erlaubt werden, dass das eine neue Normalität wird", sagte er.

Zuvor hatte Regierungssprecher Sean Spicer Trumps Kritik bereits leicht relativiert. Über die Anschläge werde nicht gar nicht, aber zu wenig berichtet, sagte er.

Auf der Liste fehlen große Anschläge ohne westliche Opfer, wie etwa ein Selbstmordattentat mit einem Laster in Bagdad, bei dem im vergangenen November mehr als 70 Menschen ums Leben kamen. Auch Gewalt durch Rechtsradikale kommt darin nicht vor, etwa der Amoklauf eines Weißen mit neun Toten in einer von Afroamerikanern besuchten Kirche im US-Staat South Carolina im Juni 2015.

Medienwissenschaftler wiesen Trumps Anschuldigungen zurück. "Anzudeuten, Journalisten hätten ihre Gründe, nicht über IS-Angriffe zu berichten, ist haarsträubend", sagte Al Tompkins vom Poynter Institute, einer Journalistenschule aus Florida.  Auch der Deutsche Journalisten-Verband kritisierte den US-Präsidenten. "Für Trumps Hasstiraden gegen Medien und Journalisten gibt es keine überprüfbare Faktengrundlage", sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall.

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