Dieser Jahresbeginn fühlt sich für mich so an, als würde ich den Anfang eines schlechten Films noch einmal sehen. Die Eingangsszene ist noch heiter, sie zeigt eine Freundesrunde beim Kaffee, beim Tee, bei einem Glas Wein, beim Essen. Ich lausche Menschen mit einem höheren Intelligenzquotienten als meinem, die Politik bedrückt sie, ihre Intentionen sind humanistisch, sie sind mehr oder weniger sozialdemokratisch eingestellt, in unterschiedlichen Ausprägungen verkörpern sie die allseits verabscheute und von den Politikern pflichtgemäß attackierte Elite.

In dem wie für eine Fernsehserie verarbeiteten Szenario kommt unfehlbar der Moment, wo die französischen Präsidentschaftswahlen im Mai aufs Tapet gebracht werden. Und der Moment, wo jemand den unvermeidlichen Satz äußert: "Marine Le Pen kann nicht gewinnen", das ist doch selbstverständlich, das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand. An diesem Punkt läuft die Diskussion gern aus dem Ruder. Weil diese Gewissheit der intelligenten Leute mich nervt und beunruhigt. Wieso könnte Marine Le Pen nicht Präsidentin werden? Und wieder einmal bringt einer der Freunde Argumente wie "der republikanische Aufbruch", "die gläserne Decke", die standhalten wird. Beweis: Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 hat die Linke sich im zweiten Wahlgang für Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen starkgemacht, und bei den Regionalwahlen 2015 lief es ähnlich. "Marine Le Pen kann es nicht schaffen, ausgeschlossen", sagt er noch einmal und zuckt die Achseln. Und ich höre mich antworten: "Träum weiter, mein Lieber."

Ich mache mir Sorgen. Wie viele Wahlen braucht es noch, bis die intelligenten Leute erkennen, dass außerhalb ihrer Luftblase die Vernunft keine Rolle mehr spielt, dass das vernünftigste Programm sich nicht unbedingt gegen das dümmste durchsetzt, weil die Wut so groß ist? Eben diese Leute hätten ihre Hand dafür ins Feuer gelegt, dass der Brexit zu töricht und Trump zu verrückt wäre, um sich durchzusetzen. "Das amerikanische Wahlsystem ist so aufgebaut, dass Hillary Clintons Niederlage mathematisch unmöglich ist, selbst wenn sie weniger Stimmen bekommt", haben massenhaft kluge Menschen gesagt und geschrieben. Mathematik, Selbstverständlichkeit, Vernunft. Jetzt beruhigen dieselben Leute sich mit der Tatsache, dass Clinton nach der Anzahl der Stimmen gewonnen hatte und dass unser eigenes Wahlsystem viel sicherer ist. Man kann es offen zugeben: Nichts von dem, was eingetreten ist, wurde vorhergesehen. Und jetzt geht es mit der gleichen Arroganz von vorne los.

Natürlich kann ich nicht vorhersehen, wie die Wahlen ausgehen werden. Manch altgedienter Politiker gibt offen zu, dass er sich keinen Rat weiß: Die Wahlprognosen haben sich als untauglich erwiesen, die Wählerbasis ist völlig unberechenbar, die Meinungen sind unvorhersehbar – flatterhaft, launisch, enttäuscht, nihilistisch, zynisch und vor allem eins: wütend. Wenn ich dann sehe, mit welcher Gewissheit Rationalität und gläserne Decke beschworen werden, bekomme ich Angst. Ich sage nicht, dass Marine Le Pen wirklich Präsidentin wird, ich sage nur, dass sie es werden kann, und dass diejenigen, die im Brustton der Überzeugung das Gegenteil behaupten, sich gewaltig täuschen.

Warum? Nicht nur, weil ihre Konkurrenten schwach sind und "Penelopegate" alles durcheinandergewirbelt hat. Auf der Rechten hatte François Fillon versehentlich und wie durch ein Wunder die Vorwahlen gewonnen und schlitterte nun durch einen schlecht geführten Wahlkampf, und das auch schon vor dem unfassbaren Skandal, der mutmaßlichen Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau. Auf der Linken krankt die Sozialistische Partei am Corbynismus und steuert direkt auf den Selbstmord zu, selbst wenn Benoît Hamon im ersten Wahlgang für eine Überraschung sorgen sollte. Zwischen rechts und links wird der junge Emmanuel Macron unerwartet zum ernst zu nehmenden Konkurrenten, verkörpert er doch das, was die Wähler heute vor allem suchen: das Andere, das Unerwartete, das Neue.

Marine Le Pen kann gewinnen, weil sie es geschafft hat, sich auf der Rechten der wenigen Themen zu bemächtigen, die die Franzosen auch heute noch zum Träumen bringen. Mit unerfüllbaren populistischen Wahlversprechen und strategisch gestreuten Lügen hat sie es geschafft, sich als Verkörperung der wichtigsten französischen Leidenschaften zu präsentieren.

In Frankreich, einem Land, das sich als egalitär begreift und die Verachtung der Eliten als Volkssport betreibt, hat der Front National seine Strategie, genau wie Jean-Luc Mélenchon auf der extremen Linken, auf dem Abscheu vor den Eliten und dem "Antisystem" aufgebaut – eine modische und inzwischen von allen Kandidaten zur Schau getragene Haltung.

In den Zeiten der Monarchie wurzelte in Frankreich die Hingabe an den schützenden und allmächtigen Staat, und Marine Le Pen und ihre aus der antieuropäischen und nationalstaatlich orientierten Linken stammende rechte Hand Florian Philippot gerieren sich als die wahren Verteidiger des Vorsorgestaates auf der Rechten. Ihr wichtigster Mitbewerber um den Elyséepalast, der konservative François Fillon, hat ihr eine Steilvorlage geliefert, indem er sich als "Thatcherianer" präsentierte und zwei heilige Kühe schlachten wollte, den öffentlichen Dienst und die Sozialversicherung. 500.000 Beamtenstellen weniger, Leistungen der Krankenkassen nur noch für schwere Erkrankungen, Abschaffung der 35-Stunden-Woche: Mit seiner Fixierung auf Schuldentilgung, seiner Beschneidung der staatlichen Ausgaben und seinem sozialen Konservativismus erscheint Fillon durch und durch britisch, ein klassischer Tory par excellence. Aber: Die Franzosen haben noch nie vom Neoliberalismus geträumt. In der Theorie lieben sie Reformen, in der Praxis erwarten sie alles vom Staat, und gern lassen sie sich das Blaue vom Himmel versprechen, verweigern sich jedoch, wenn irgendetwas angetastet werden soll.

In diesem Frankreich der Revolution und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ist Marine Le Pen die einzige Frau unter den glaubwürdigen Kandidaten für die Präsidentschaft. Und bei den letzten Regionalwahlen ließ eine andere Frau, ihre ultrakonservative Nichte Marion Maréchal-Le Pen, die Paca (Provence-Alpes-Côte d'Azur) erzittern. Angesichts der schreienden und desaströsen Abwesenheit von weiblichen Kandidaturen in der Linken und der Rechten spielt der äußerst reaktionäre Front National sich auch noch als einzige feministische Partei Frankreichs auf. Der Gipfel!