Wenn Angela Merkel am Montag zu Donald Trump fährt, wird sie den Präsidenten eines eng verbündeten Landes treffen und einen ihrer schärfsten Kritiker. Wenn die Kanzlerin nach Polen reist, betritt sie ein befreundetes Land mit einer unfreundlich gesinnten Regierung. Und wenn sie das nächste Mal den Nato-Partner Türkei besucht, reicht sie einem Mann die Hand, der ihr Nazi-Praktiken vorwirft.

Es wird rau da draußen in der Welt. Alte Freundschaften scheinen nichts mehr zu gelten, Allianzen werden unterminiert, internationale Organisationen angegriffen. In einer Welt, in der Populisten nach der Macht gieren, steigt Deutschlands Ansehen bei den Anhängern der liberalen Demokratie. Die Erwartungen an Berlin wachsen, auch auf dem derzeit stattfindenden EU-Gipfel in Brüssel. Aber die Zahl der Regierungen, auf die sich Angela Merkel verlassen kann, nimmt ab.

Allein dazustehen, ist das Trauma des deutschen Nationalstaats seit seiner Gründung 1871. Bismarck versuchte, diese Situation durch ein wohl austariertes Mobile von Bündnissen abzuwenden. Wilhelm Zwo, der gern davon schwadronierte, dass Feinde Deutschland umzingeln, stolperte bald zwanzig Jahre nach seiner Thronbesteigung in die Isolation. "Die deutsche Bewegungsfreiheit schrumpfte ein", schrieb der deutsch-jüdische Historiker Ludwig Dehio 1948 im Rückblick. Dann kam der Krieg. Im 20. Jahrhundert war Deutschland auf sich gestellt, weil es autoritär, aggressiv und zeitweise verbrecherisch handelte. Die Ironie heute: Das demokratische Deutschland verliert Freunde, weil die anderen autoritär, aggressiv und verleumderisch werden.

US-Wahl - "Westliche Werte sind Basis für Zusammenarbeit" Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dem neu gewählten US-Präsidenten direkt nach seiner Wahl eine enge Partnerschaft angeboten – vorausgesetzt, er akzeptiert westliche Werte. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Dabei war das weltoffene Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine Art Everybody’s darling. Wir kamen bestens aus mit den atlantischen Pragmatikern, waren gut gelitten in Osteuropa, und galten als freundlich-harmlose Pedanten in Südeuropa. In allen drei Nachbarschaftskreisen sieht es heute für Deutschland ganz anders aus.

Die Deutschen als roboterhafte Spardiktatoren

Für Donald Trump und seine Anhänger ist Deutschland die Heimat des Flüchtlingsterrors und der egoistischen Exportüberschüsse. Für London ist Deutschland der Einpeitscher der EU, die den Brexit-Briten keine Freihandelszone zum Nulltarif gönnt. Aus Moskauer Sicht hat Berlin die EU auf Sanktionen und einen Russland-kritischen Kurs gezwungen. Für Politiker in Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien hat Angela Merkel die Flüchtlinge erst herbeigelockt, um sie dann anderen aufzuschwätzen. Und in Italien und Griechenland gelten die Deutschen als roboterhafte Spardiktatoren, angeführt von Wolfgang Schäuble. Grob verzerrte Bilder, aber leider wirksame: Viele unserer Nachbarn meinen, sie hätten irgendeine Rechnung mit uns offen. Manchmal sind es die Regierungen, in Südeuropa aber auch einfache Menschen, die Deutschland grollen.

Derzeit bekommt das vor allem die deutsche Regierung zu spüren, die auf dem EU-Gipfel und nächste Woche in Washington schwierige Partner davon überzeugen muss, dass Berlin eigentlich allen nur das Beste wünscht. Die Logik: Wenn es den Nachbarn in einer offenen Welt der persönlichen Freizügigkeit und freien Warenströme gut geht, geht es auch uns gut. Doch populistische Regierungen in Polen, der Türkei und den USA glauben nicht mehr an diese "Win-win-situation". Ihre Logik: Wenn es erfolgreichen Nachbarn schlechter geht, muss es ihnen am Ende besser gehen. Nullsummenspiele. Es ist offen, welche Logik sich am Ende durchsetzt.

Wir brauchen Verbündete, ganz besonders Frankreich

Klar ist, dass die Deutschen in dieser Konkurrenz Verbündete brauchen. Sie brauchen befreundete Minister und Kongressabgeordnete in Washington, damit die Trump-Regierung in ihrem Anti-Globalisierungsfuror und Nationalismus gebremst wird. Sie brauchen polnische und türkische Zivilgesellschaften, die hoffentlich ihre zunehmend autoritären Regierungen überleben. Sie brauchen sachliche Politiker in Rom und Athen, die den Leuten erklären, dass die Deutschen nicht an allem schuld sind.

Vor allem aber brauchen die Deutschen: Frankreich. Das ist – nebst vielem anderen – der große Unterschied zu den Isolationsszenarien des 19. und 20. Jahrhunderts. Frankreich war früher Deutschlands ärgster Feind. Heute ist es der entscheidende Freund. Der große Partner auf den EU-Gipfeln. Das Land, das Länder bindet, die Deutschland entgleiten.

Dafür, dass das so bleibt, stehen der Noch-Präsident François Hollande, aber auch die Präsidentschaftskandidaten von François Fillon bis Emmanuel Macron. Ausnahme: die Rechtspopulistin Marine Le Pen, die das alles ändern will. Auch deshalb ist diese Wahl für Deutschland so wichtig, dass man am liebsten sofort einen französischen Pass erwerben und mitwählen wollte.

Kommt Le Pen, geht der wichtigste Freund. Ohne Frankreich würde es wirklich einsam um Deutschland.