Viele armenische Wähler haben sich ihre Stimme längst bezahlen lassen. Nur die Käufer, die reichen Politiker des Landes, fragen sich noch, wer von ihnen genug investiert hat, um die meisten Sitze im neuen Parlament zu bekommen. 2,5 Millionen Menschen sind an diesem Sonntag aufgerufen, es zu bestimmen. Es ist eine besondere Wahl, denn sie markiert für Armenien den Übergang von einem präsidialen zu einem parlamentarischen Regierungssystem. Da setzen die Parteien alles daran, ihre Position zu verbessern. Vor allem mit betrügerischen Methoden.

In einem Wahlkreis in der Hauptstadt Jerewan etwa kandidiert Mihran Poghosjan für die Republikanische Partei. Das ist die politische Kraft, die seit 1999 die Regierung stellt, auch Armeniens Präsident Serj Sargsjan gehört ihr an. Die Republikaner setzen darauf, dass die Oligarchen des Landes – von denen viele Parteimitglieder sind – für den Wahlsieg mobilisieren. Auch mit Geld.

Poghosjans Privatvermögen beispielsweise wird auf 800 Millionen US-Dollar geschätzt. Auch Immobilien im Ausland gehören dazu. Seit 2008, als Präsident Sargsjan an die Macht kam, leitete Poghosjan die Vollstreckungsbehörde beim Justizministerium. Nach den Enthüllungen über die Panama Papers im April 2016 trat er zurück. Aber nun will er ins Parlament.

Poghosjan schenkt jedem, der ihm seine Stimme verspricht, ein Smartphone. Allerdings will er auch Beweise dafür sehen, dass sein Geschenk funktioniert. Mit dem neuen Smartphone müssen die Bürger ihre Stimmzettel fotografieren, nachdem sie ihr Kreuz bei Poghosjan gemacht haben. So heißt es in Jerewan. "Das sind Straßengespräche, mehr nicht", kommentieren die Mitarbeiter seines Wahlkampfbüros.

"Mit Korruption gegen Korruption"

Ein Smartphone will auch die Journalistin Anna, aber den Offshore-Mann Poghosjan will sie nicht im Parlament sehen. Sie hat einen Trick von oppositionellen Bürgern gelernt: Erst wird ein Kreuz auf dem Stimmzettel für die Republikaner gemacht, nur für das Smartphone-Foto. Dann wird auf dem gleichen Stimmzettel weiter gezeichnet, gemalt, oft auch geschimpft. "In diesem Fall ist es besser, die eigene Stimme ungültig zu machen. Die Republikaner kriegen nichts von mir", sagt Anna und warnt vor dem Handy-Angebot.

Viele Bürger ziehen ohnehin Bargeld vor. Ihre Stimmen verkaufen sie für 20 bis 30 Euro. Auch Artak Sargsjan beispielsweise, dem das Eliten-Supermarktnetz SAS gehört, ist Kandidat der regierenden Republikaner. Er bezahlt 50 Euro pro Stimme – in Armenien ist das fast eine monatliche Durchschnittsrente.

Um die mindestens 101 Mandate in Armeniens Parlament bewerben sich neun Parteien und Parteienbündnisse. Und das Wahlgesetz hat den Wettbewerb auf dem Stimmenmarkt noch verschärft. Denn es ermöglicht, sich in einem anderen Wahlkreis anzumelden und für den dortigen Kandidaten zu stimmen. Wer mehr Geld hat, kauft mehr Stimmen. Das freut auch die Stimmenkäufer. "Mit Korruption gegen Korruption" lautet das Motto von Narine: Die 58-jährige Mutter zweier Kinder wartet noch auf das beste Angebot. "Am Wahltag fließt mehr Geld", sagt sie. Sie werde an dem Tag mehr als das Doppelte ihres Monatslohns einnehmen.

Die wirtschaftliche Lage Armeniens, das Teil der eurasischen Wirtschaftsunion ist, ist prekär. Laut offiziellen Angaben leben 30 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Internationale Organisationen wie die Weltbank sprechen sogar von 60 bis 70 Prozent. Die Opposition kennt diese Zahlen auch. Und ein besseres Leben versprechen – das kann sie nicht schlechter als die Republikaner.