Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und nach den beiden Balkankriegen von 1912 und 1913 veröffentlichte die Carnegie-Stiftung einen Bericht über das südosteuropäische Pulverfass. Verfasst hatte ihn eine internationale Kommission unter Vorsitz des französischen Senators d’Estournelles de Constant. Der Baron, entsetzt über den Zustand der Region, hätte seinem Bericht am liebsten den Titel gegeben: "Das zerstrittene Europa und sein demoralisierendes Handeln auf dem Balkan." Dem entsprach auch das Resümee der Kommission: "Europa ... könnte das Problem allen Widrigkeiten zum Trotz lösen, wenn es nicht entschlossen wäre, einfach die Augen davor zu verschließen."

Acht Jahrzehnte später war ich selber Mitglied zweier internationaler Balkan-Kommissionen. Die erste untersuchte die Ursachen und Folgen der jugoslawischen Auflösungskriege (1992-1995), die zweite Hintergründe und Verlauf des Kosovo-Krieges (1998-1999). In unseren Berichten warnten wir davor, den Balkan sich selbst zu überlassen. Wir waren ebenfalls überzeugt, dass es gefährlich wäre, gegenüber den Balkanländern einfach die Augen zuzudrücken.

Der Westen ließ es dabei auch nicht bewenden. Er führte zwei Kriege, um dem groß-serbischen Repressionsregime von Slobodan Milošević ein Ende zu setzen, im November 1995 mit dem Dayton-Abkommen für Frieden in Bosnien- und Herzegowina und im November 1999 mit dem Friedensabkommen für Kosovo. An beiden Kriegen war die Bundeswehr übrigens beteiligt, zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg; und in beiden Kriegen strömten Hunderttausende von Flüchtlingen in die Bundesrepublik.

Das alles ist jetzt ein Vierteljahrhundert her. Die Nato, die EU und die Vereinten Nationen haben seitdem Zigtausende von Soldaten in Bosnien, im Kosovo und in Mazedonien stationiert gehabt, darunter insgesamt 65.000 Bundeswehrsoldaten, von denen heute noch 650 im KFOR-Einsatz in Kosovo stehen. Die Allianz bleibt dort wie in Bosnien weiter für die Verteidigung zuständig. Die Eulex-Agentur der Europäischen Union soll im Kosovo, der sich 2008 für unabhängig erklärte und den viele für einen Mafia-Staat halten, für Rechtsstaatlichkeit sorgen. In Bosnien-Herzegowina mühen sich Hohe Repräsentanten und EU-Sonderbeauftragte seit einem Vierteljahrhundert um Stabilisierung. Doch dies war verlorene Liebesmüh. Die große Politik aber hat den Balkan wieder einmal vergessen.

Lange Zeit gab sich Europa der Hoffnung hin, die Aussicht auf EU-Mitgliedschaft werde die regionalen Akteure zu Vernunft und Verträglichkeit bewegen. Die Aussicht freilich, der Europäischen Union beizutreten, hat ihre Zugkraft mittlerweile weithin verloren. So muss man heute sagen: Europa zog vor zwei Jahrzehnten aus, den Balkan zu europäisieren. Das Umgekehrte ist eingetreten: Europa ist dabei, sich zu balkanisieren. Und wieder einmal schaut es weg und überlässt den Westbalkan seinen historischen Übeln: giftigem Nationalismus, riskantem Territorialehrgeiz und ethnischem Wahn.