"Dafür zahlen wir euch Steuern, damit ihr uns hier festhaltet?", schreit eine alte Frau in einem dicken Ledermantel. Doch die Mauer aus Helmen, Sturmhauben, Knüppeln und Schildern schweigt. "Alle Radikalen sind doch schon längst im Gefängnis", pflichtet ihr ein Mann mit Schiebermütze bei. "Hier protestieren nur die einfachen Leute!"

Die Mauer der Polizisten ist undurchdringlich. Wer diesseits der Absperrung ist, ist eingekesselt. Schon fahren wenige Meter entfernt die Awtosaki vor, die berüchtigten Gefangenentransporter mit vergitterten Fenstern. Wo sie halten, stieben die Menschen auseinander. Doch wen die Sonderpolizei zu fassen bekommt, der wird in die Transporter gezerrt und abgeführt. Ein Mann, der sich wehrt, fällt zu Boden.

Ausgerechnet an einem Tag mit Schneefall wurde der belarussische Frühling, wie Oppositionsmedien die friedlichen Sozialproteste bezeichnet hatten, vorerst beendet.

Russland - Oppositionspolitiker Alexej Nawalny zu 15 Tagen Haft verurteilt In zahlreichen Städten Russlands hatten Menschen gegen Korruption protestiert. Die Polizei nahm Hunderte Demonstranten fest, darunter der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny. © Foto: Maxim Shemetov/Reuters

Brutale Szenen spielen sich dieser Tage in Minsk ab. Der seit Wochen geplante Protest in der Minsker Innenstadt anlässlich des traditionell von der Opposition gefeierten Freiheitstages war nur wenige Stunden zuvor von den Behörden verboten worden. Er wurde vom Sonderkommando Omon zerschlagen.

Ursprünglich hatten sich die Proteste Mitte Februar an der sogenannten Sozialschmarotzersteuer entzündet. Belarussische Bürger, die im Jahr länger als sechs Monate ohne Beschäftigung sind, müssen neuerdings eine jährliche Gebühr von 180 Euro zahlen. Die Steuer wurde zwar bereits 2015 beschlossen, doch erst am 20. Februar dieses Jahres endete die Zahlungsfrist für 470.000 Betroffene. Bisher soll allerdings nur jeder Zehnte die Steuer gezahlt haben. Präsident Alexander Lukaschenko hatte zuletzt angekündigt, die Steuer für dieses Jahr auszusetzen.

Lukaschenko hat uns betrogen

Doch inzwischen haben sich die Proteste auch auf andere Forderungen ausgeweitet und richten sich immer direkter gegen Lukaschenko. "Wir kommen hier zu einer friedlichen Demonstration, und sie führen uns mit Polizisten ab", schimpft Sofia, eine Rentnerin in einer violetten Daunenjacke. "Lukaschenko hat uns ein besseres Leben versprochen, aber er hat uns betrogen. Er sollte besser herkommen und hören, was ihm das Volk zu sagen hat, anstatt uns Tausende Bullen an den Hals zu jagen!"

Anfangs hatte das Regime den Protesten noch offenbar ratlos gegenübergestanden, jetzt ist Autokrat Lukaschenko zur Sprache der Gewalt zurückgekehrt. Zuletzt hatte Lukaschenko die Protestierenden als "fünfte Kolonne" geschmäht und dazu aufgerufen, die "Provokateure wie Rosinen aus dem Brot zu picken". 

300 Menschen waren bereits vor den angekündigten Protesten am Wochenende im ganzen Land festgenommen worden, bei den Protesten am Samstag sollen allein in Minsk 700 Menschen von der Polizei abgeführt worden sein, so die Menschenrechtsorganisation Viasna. Auch in anderen Städten in Belarus wurden Menschen verhaftet. Der Oppositionspolitiker Mikalaj Statkewitsch, der bei den Protesten eine Führungsrolle einnehmen sollte, war gar drei Tage lang verschwunden. Am Montag wurde bekannt, dass er in einem Gefängnis des Geheimdienstes KGB festgehalten wurde. Der KGB hatte zuvor wiederholt dementiert, etwas mit dem Verschwinden des Oppositionspolitikers zu tun zu haben.

Wenige Meter weiter steht Dina. Braune Locken, Nasenpiercing, freundliches Lächeln. Die 30-Jährige hatte Glück, sie wurden nicht festgenommen. Sie ist direkt von der Steuer betroffen, weil sie als Künstlerin keine fixe Arbeitsstelle vorweisen kann, erzählt sie. Es ist das erste Mal, dass sie an einer Demonstration teilnimmt. Doch sie ist ernüchtert und schockiert. "Für den Sicherheitsapparat hat der Staat also Geld, und für die Bürger nicht?", sagt sie. "Schande, Schande!", skandieren die Menschen am Straßenrand, als die Busse mit neuen Festgenommenen gefüllt an ihnen vorbeifahren.