Am zweiten Tag der Reise Großbritanniens auf dem Weg in eine unbestimmte Zukunft versammeln sich rund 50 Menschen in einem Raum im Herzen von London. Drei Professoren, die zu dem Projekt UK in a Changing Europe gehören, haben zu einer Analyse des Artikels 50 geladen.

Mit müden Augen erhebt sich Sara Hobolt von der London School of Economics. Sie öffnet ihren Laptop, bunte Balken erscheinen auf der Wand. Das Schaubild zeigt, dass der Kurs von Theresa May bei der Bevölkerung sehr beliebt ist: 84 Prozent finden richtig, dass sie aus dem Binnenmarkt austreten, die Einwanderung kontrollieren und ein Freihandelsabkommen mit der EU abschließen will.

Es scheint also wahr, was die Premierministerin am Mittwoch in ihrer Rede gesagt hatte: dass das Land nun, da es losgeht, geschlossen hinter dem Brexit stehe. Oder?

Hobolt ruft eine andere Folie auf. Sie zeigt, inwiefern sich die Meinungen der früheren Leave- und Remain-Wähler seit dem Referendum verändert haben. Man könnte meinen, dass sich die Fieberkurven aufeinander zubewegt hätten, dass sich die Ansichten annähern. Doch das ist nicht der Fall. "Theresa May wird von Konservativen und Leave-Wählern sehr unterstützt", sagt Hobolt. "Aber die Haltung der Remain-Wähler hat sich sogar verhärtet. Diese Kluft könnte während der Verhandlungen noch tiefer werden." Großbritannien bleibt in der Europa-Frage gespalten. Doch darüber redet niemand – erst recht nicht jetzt, da es so viele andere Fragen zu klären gibt.

"Gesucht: Eine Opposition"

Am 23. Juni 2016 hat die Wut der "Abgehängten" die politischen Machtverhältnisse verändert. Nun hat diese Politik eine neue Klasse von Abgehängten produziert: die mehr als 16 Millionen Menschen, die bei dem Referendum für den Verbleib in Europa stimmten. Die 48 Prozent des Remain.

Oder, wie Außenminister Boris Johnson gern sagt: die "Remoaners". Ein Wortspiel aus Remain und moaning, dem englischen Wort für klagen. Was wenig über die betroffenen Proeuropäer aussagt, aber viel über die verächtliche Haltung der Regierung. Sie wird in den kommenden zwei Jahren mit den anderen 27 EU-Ländern darüber streiten, wie viele Milliarden sie im Zuge ihres Austritts bezahlen muss; sie wird betteln und drohen, um ein neues Freihandelsabkommen mit der EU abzuschließen; sie wird für ihre Fischer kämpfen, ihre Finanzindustrie verteidigen und ihre Forscher trösten. Über einen großen, wütenden und verängstigten Teil ihrer Bevölkerung aber wird sie schweigen.

60 Milliarden Euro schuldet Großbritannien der EU

Jedes EU-Mitglied geht für Jahre im Voraus Zahlungsverpflichtungen mit der Union ein. Wenn Großbritannien die EU verlässt, muss geklärt werden, was mit seinen Verpflichtungen passiert. Es geht unter anderem um Pensionen für EU-Beamte, zugesagte Beiträge für Förderprogramme und die Haftung für gemeinsame Schulden.

Ein Beispiel: Die strukturarme Region Nordengland kann nicht erwarten, dass die EU immer noch Geld überweist, Großbritannien aber nichts mehr in den EU-Topf einzahlt. So sieht man es zumindest in Brüssel. Die Experten der EU kommen auf 60 Milliarden Euro, die Großbritannien der EU nach einem Austritt noch schuldet. Der britische Außenminister Boris Johnson hat Widerstand gegen die EU-Forderung angekündigt: Er will die Summe nicht begleichen.

17.105 EU-Verordnungen müssen in britisches Recht umgewandelt werden

Der Handel innerhalb der EU wird unter anderem durch Verordnungen geregelt. Das Dilemma für die Briten: Der größte Teil dieser Rechtsvorschriften, nämlich genau 17.105 EU-Verordnungen, hat nach dem Brexit in Großbritannien keine Gültigkeit mehr. Großbritannien muss sie überprüfen und durch nationales Recht ersetzen.

Das britische Parlament arbeitet dafür zu langsam, denn es verabschiedet im Jahr normalerweise nur 60 bis 100 Gesetze. Also muss die britische Regierung die neuen Verordnungen im Schnellverfahren erlassen. Kein leichtes Unterfangen: London bringt es derzeit im Jahr auf durchschnittlich 2.000 Verordnungen. Selbst wenn künftig doppelt so viele umgesetzt werden sollten, wird der Prozess viele Jahre dauern.

43 Freihandelsabkommen müssen neu verhandelt werden

Die EU hat insgesamt 43 Freihandelsabkommen abgeschlossen. Wollen die Briten die Vorteile behalten, die daraus resultieren, und wählen sie einen harten Brexit – verlassen also auch den Binnenmarkt und die Zollunion – müssen sie alle 43 neu aushandeln. Nur so können die Briten sicherstellen, dass sie weltweit zumindest die gleichen Vorteile genießen wie als EU-Mitglied. Die Union hat mit nahezu allen europäischen Ländern außerhalb der EU, fast allen Mittelmeerstaaten und wichtigen Handelspartnern wie Südkorea und Mexiko umfangreiche Verträge geschlossen. Ein Abkommen mit Kanada wird gerade rechtskräftig.

All das hat Jahre gedauert. Deshalb will der britische Handelsminister Liam Fox am liebsten die EU-Abkommen übernehmen und lediglich die Referenz zur EU streichen. Klappt das nicht, fällt Großbritannien auf die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zurück. Das bedeutet, kurz gesagt, dass der Handel zwischen Großbritannien und der EU sowie der Handel Großbritanniens mit den anderen Staaten mit Zöllen belegt wird. Eine Sonderbehandlung einzelner Staaten ist nicht erlaubt.

13.608 Sorten Brot, Kekse und Süßigkeiten könnten bezollt werden

Kann sich Großbritannien mit der Europäischen Union nicht auf ein neues Freihandelsabkommen einigen, gelten die Regeln der Welthandelsorganisation. Die Folge: Für jede einzelne Produktkategorie müssten Zölle erhoben werden. Ein Beispiel: Allein für Brot, Kekse und Süßigkeiten gibt es nach Angaben des britischen Industrieverbandes CBI 13.608 unterschiedliche Kategorien. Jedes Produkt muss eingestuft und mit entsprechendem Zoll belegt werden. Auf Schokolade wird ein Zoll von 38 Prozent erhoben, auf Lachs 13 Prozent, auf die Bremsen in der Automobilbranche vier Prozent. Whisky wäre dagegen zollfrei.

31.000 EU-Wissenschaftler fürchten um ihren Job

Noch ist nicht geregelt, welche Rechte EU-Bürger in Großbritannien haben werden. An britischen Universitäten arbeiten 31.000 Akademiker aus anderen EU-Staaten. Nach Angaben des britischen Bildungsministeriums machen EU-Bürger 23 Prozent der Akademiker in den Fächern Biologie, Mathematik und Physik aus, 14 Prozent in Medizin, 18 Prozent im Ingenieurwesen. Wer mehr als 30.000 Pfund im Jahr verdient (ungefähr 35.000 Euro), bekommt in Großbritannien als Fachkraft leicht ein Visum. Etwa 26 Prozent der EU-Akademiker verdienen aber weniger. Wer fünf Jahre im Land gelebt hat, kann eine Aufenthaltsberechtigung beantragen. Viele sind aber nicht lange genug im Land.

1.236 Pfund kostet ein britischer Pass

Wer sichergehen will, beantragt als EU-Bürger in Großbritannien möglichst rasch einen britischen Pass. Der kostet 1.236 britische Pfund und garantiert, dass man im Land leben und arbeiten kann, wann immer man will. Die Vorstufe ist die Aufenthaltsberechtigung (permanent residence). Die aber verfällt, wenn man als EU-Bürger Großbritannien mehr als zwei Jahre verlässt. In Großbritannien leben nach Angaben des Office for National Statistics 3,3 Millionen EU-Bürger, davon 297.000 Deutsche und 883.000 Polen. In der EU hingegen leben 1,2 Millionen Briten, allein in Deutschland 103.000. Großbritannien und die EU wollen den Status dieser Bürger sichern, wenn unter anderem geklärt ist, wie die Kosten für die jeweiligen Gesundheitssysteme verrechnet werden.

177.000 Lastwagen überfahren monatlich die irische Grenze

Großbritannien sagt, es wolle seine Grenzen wieder kontrollieren. Deshalb der Brexit, deshalb will Theresa May auch die Zollunion verlassen. Aber was passiert mit der grünen Grenze zur Republik Irland? Sie wird nicht mehr kontrolliert, dort ist es wie im Grenzland zwischen den Niederlanden und Deutschland. Jeden Monat fahren 177.000 Lastwagen über die nicht sichtbare Landesgrenze, 208.000 Lieferwagen und 1,85 Millionen Autos.

Noch immer hat die britische Regierung keine Vorstellung davon, wie das Problem gelöst werden soll. Einwanderer und Warenverkehr müssten eigentlich künftig zwischen Nordirland und der Republik Irland kontrolliert werden. Aber Grenzkontrollen darf Großbritannien zur Republik Irland nicht mehr aufbauen. Der 1998 geschlossene Friedensvertrag für Irland, das sogenannte Good Friday Agreement, legt fest, dass es zwischen beiden Teilen der Insel keine Grenzkontrollen mehr geben darf.

5.500 Finanzunternehmen sind auf das EU-Passporting angewiesen

Kein Finanzgeschäft in der EU ohne Passporting. Bisher erlaubt das sogenannte Passporting, dass Finanzdienstleister von London aus ihre Produkte und Dienste auf dem Kontinent anbieten können. 5.500 Unternehmen nutzen das für Geschäfte in der EU. Mit dem Brexit wäre das nicht mehr möglich. Andersherum können 8.800 EU-Firmen Finanzgeschäfte in Großbritannien nicht mehr so einfach betreiben. Theoretisch gibt es einen Ausweg: Großbritannien müsste die gleichen Vorschriften wie die EU einhalten. Das werden die Briten aber nicht wollen. Niemand in der City, dem Bankenviertel von London, weiß, ob die britische Regierung mit der Europäischen Union eine Ersatzregelung aushandeln wird. Die meisten Unternehmen warten ab, einige Finanzinstitute suchen aber schon Standorte in der EU.

1.661.191 Schotten sind ziemlich enttäuscht

Mehr als 1,6 Millionen Schotten haben dafür gestimmt, in der Europäischen Union zu bleiben. Das waren 62 Prozent der abgegebenen Stimmen in Schottland. Seit Monaten wächst der schottische Widerstand gegen den Brexit. Die Schotten profitieren von der EU, haben historisch engeren Kontakt zum Kontinent und leiden zunehmend unter der Bevormundung durch London. Sie hätten gern eine Sonderregelung, die es ermöglicht, unabhängig von Großbritannien im Europäischen Wirtschaftsraum zu bleiben. Aber das wird nicht klappen, das sagt auch die EU. Zuerst müsste Schottland mit Großbritannien die EU verlassen und dann einen Antrag zur Aufnahme in die EU stellen. Zwar hat Nicola Sturgeon eine zweite Volksabstimmung zur schottischen Unabhängigkeit in Aussicht gestellt. Aber die erlaubt die britische Regierung vorerst nicht.

Warum sollte sie auch Rücksicht nehmen? Im Parlament setzen sich nur die Schottischen Nationalisten (unbeliebt) und die Liberaldemokraten (unwichtig) für die 48 Prozent ein. Die zerstrittene Labour-Partei findet, dass man das Referendum akzeptieren, aber den Brexit abfedern sollte. "Gesucht: Eine Opposition" titelte das linke und proeuropäische Magazin New Statesman in seiner aktuellen Ausgabe.

Natürlich gibt es bei jeder Wahl Gewinner und Verlierer. Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass beide Seiten das Ergebnis akzeptieren und weitermachen. In diesem Fall geht es aber um weit mehr als die Frage, ob die Linken oder Rechten in den nächsten fünf Jahren regieren. Es geht um das Erbe von 44 Jahren EU-Mitgliedschaft dieses Landes. Um den Zusammenhalt des Kontinents. Und um eine Zukunft, die trotz aller mantraartigen Wiederholungen der Regierung, dass "Brexit Brexit bedeutet und wir einen Erfolg daraus machen werden", völlig unklar ist.

Spielfiguren auf dem Schachbrett

Die Entscheidung für den Brexit kann in fünf Jahren nicht mehr rückgängig gemacht werden. Es ist nicht wie bei Trump, bei dem viele hoffen, dass er sich durch einen Fehler selbst zu Fall bringt. Die siegreichen 52 Prozent haben das Land auf einen Weg geschickt, von dem es kein Zurück mehr gibt.

"Wir alle wollen in einem globalen Großbritannien leben, das Beziehungen mit alten Freunden erhält und neue Partner weltweit findet", hat Premierministerin May bei ihrer Rede am Mittwoch gesagt. Aber was hat sie damit gemeint?

Theoretisch könnte Großbritannien einen Modus finden, der die 48 Prozent einigermaßen mitnimmt und auf eine Partnerschaft mit der EU (wie sie Norwegen hat) hinausläuft. Einige Remain-Politiker, die sich in der parteiübergreifenden Kampagne Open Britain zusammengeschlossen haben, fordern genau das. Sie wollen, dass Großbritannien im Binnenmarkt bleibt, den EU-Bürgern ein Bleiberecht garantiert und dass das Parlament oder sogar die Bürger am Ende der zweijährigen Artikel-50-Verhandlungen darüber abstimmen dürfen. Es geht um demokratische Prinzipien. "Die Menschen wurden von der Leave-Kampagne belogen", sagt der ehemalige Vize-Premier Nick Clegg. Viele der Versprechen von damals – 350 Millionen Pfund pro Woche für den Krankendienst NHS, eine Deckelung der Einwanderung, volle Souveränität für das Parlament – hat die Regierung schon jetzt zurückgenommen.

Weil immer klarer wird, wie komplex der Brexit sein wird, konzentriert sich Theresa May jedoch ganz und gar darauf, ihn durchzusetzen. Man könnte auch sagen: durchzudrücken. Die 48 Prozent werden zur Seite geschoben wie Spielfiguren, die auf dem Schachbrett falsch aufgestellt sind.

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