Neun Monate nach dem Referendum wird die britische Regierung an diesem Mittwoch offiziell die Loslösung von der Europäischen Union (EU) beantragen und damit die Verhandlungen über die Modalitäten des Brexit einleiten. Über einzelne Details wollte May vor dem Parlament in London sprechen. "Wenn ich in den kommenden Monaten am Verhandlungstisch sitze, werde ich jede Person im gesamten Vereinigten Königreich repräsentieren – Jung und Alt, Reich und Arm, Stadt, Kleinstadt, Land und all die Dörfer und Weiler dazwischen", heißt es in einem vorab veröffentlichten Manuskript der Rede.

"Können uns nicht die Rosinen rauspicken"

Nach Einschätzung von EU-Vertretern dürften die Scheidungspapiere einen positiven Grundton für die Verhandlungen setzen. Deren Ergebnis ist jedoch völlig offen. May strebt einen harten Schnitt mit der EU an und will auch auf den Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt verzichten. Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond zeigt sich zuversichtlich, dass es bei den Gesprächen nicht zum Schlimmsten kommen wird. Er wisse auch, dass sich sein Land in den Verhandlungen mit der EU nicht die Rosinen herauspicken könne, sagte er im BBC Radio.  

In Deutschland erwarten viele indes eher schwierige Verhandlungen. "Das wird die Mutter aller Verhandlungen", sagte Jens Spahn, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, im rbb-Inforadio. "Das werden wahrscheinlich die komplexesten Verhandlungen, die es jemals auf der Welt gegeben hat." Heikle Themen, wie etwa die Frage der Kosten, würden nicht als Erstes besprochen. "Wir sollten jetzt erst mal beginnen, in dem wir uns bemühen, ein gutes Verhältnis zu bewahren", sagte das CDU-Präsidiumsmitglied.

Großbritannien vor Zerreißprobe

Die Wirtschaft plädiert dabei vor allem für eins: schnelle Maßnahmen gegen die aufkommende Unsicherheit. "Die derzeit geltenden Regeln für den Handel zwischen Großbritannien und der EU sollten auch nach 2019 für eine Übergangsfrist weiter gelten, damit genug Zeit ist, über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen zu verhandeln", sagte ifo-Präsident Clemens Fuest, der "auf beiden Seiten des Kanals erhebliche Kosten" befürchtet, wenn die eng verflochtenen Wertschöpfungsketten neu organisiert werden müssten. Auch Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling warnte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung vor einem Flickenteppich an Regulierungen.

In Großbritannien steht Premierministerin May auch innenpolitisch unter Druck: Sowohl in Schottland als auch in Nordirland gibt es Forderungen nach einer Loslösung vom Vereinigten Königreich. "Mays Job, das Vereinigte Königreich während des Brexit-Prozesses zusammenzuhalten, ist sehr schwierig. Ich bin mir nicht sicher, ob ihn irgendjemand anderes erledigen wollte", sagte ein hochrangiger Diplomat in Brüssel. "Nach dem Brexit ist die Zukunft von fast allem völlig unklar, und das ist extrem besorgniserregend für Großbritannien, die EU und den ganzen Westen."

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