Etablierte Politiker haben in den letzten Monaten eine verblüffende Niederlage nach der anderen erlitten, und es sah schon so aus, als könnte bald die gesamte liberale Ordnung über den Haufen geworfen werden. Viele von uns waren entsetzt. Nicht wenige aber, die behände und eifrig ihr Fähnlein nach dem Wind hängen, begrüßten diesen Wandel auch. Obwohl sie zweifellos zur Elite zählen, lernten sie schnell, das Lied der Elitenfeindschaft anzustimmen. Und da sie insgeheim ziemlich kosmopolitisch sind, hatten sie umso mehr Grund, fremdenfeindliche Slogans vom Stapel zu lassen, mit der Inbrunst des Konvertiten, der um jeden Preis beweisen will, wie ernst es ihm ist.

Kein Zweifel, dass die liberale Ordnung gerade zum ersten Mal seit Generationen ernsthaft bedroht ist. Aber ganz so leicht wird sie doch nicht von der Bildfläche verschwinden. Noch immer fühlen sich ihr viele Menschen zutiefst verbunden – in den meisten Ländern die deutliche Mehrheit. Und das aus gutem Grund: Zwar verbessert sich der allgemeine Lebensstandard kaum noch, und die Ungleichheit wächst, aber trotzdem erfreuen sich die meisten Bürger entwickelter Demokratien immer noch eines bemerkenswerten Wohlstands. Zwar hat die massenhafte Migration handfeste soziale und wirtschaftliche Spannungen hervorgerufen, aber die Bürger liberaler Demokratien können immer noch ein freies Leben nach ihren Wünschen führen, umgeben von Menschen, die genauso sind wie sie selbst – wenn sie das denn möchten. Im Gegensatz zu den Proletariern, die Karl Marx von ihren Ketten befreien wollte, haben die meisten Menschen doch recht viel zu verlieren.

Es gibt noch eine andere Gruppe, die auf ihre Art selbstzufrieden auftritt, fest entschlossen, die Warnzeichen politischer Instabilität zu ignorieren. Sie will nicht zugeben, dass die Welt sich vor unseren Augen verändert; das wohl nicht zuletzt, weil Denken anstrengend ist – und diese beängstigende Realität anzuerkennen müsste einiges Nachdenken nach sich ziehen. Das sind jene Menschen, die glauben, verantwortlich für Hillary Clintons Niederlage sei allein Rassismus oder Sexismus oder Russland. Das sind auch jene Menschen, die jede Wahl – von Österreich bis Island –, in der ein Populist nicht die absolute Mehrheit erhält, als großes Comeback der liberalen Demokratie feiern.

Niederlande - Das Populisten-Experiment Der österreichische Künstler Peter Reischl hat die Amsterdamer mit Redeausschnitten von Geert Wilders beschallt. Ist das Propaganda, fragten sich einige und griffen ein. © Foto: Ruben Gischler/ZEIT ONLINE

Kein Grund zum Feiern

Dieses Lager meldet sich lautstark zu Wort, als die Ergebnisse der niederländischen Wahlen hereinkamen. "Hat die populistische Welle endlich ihren Scheitelpunkt überschritten?", fragte ein CNN-Reporter. "Ich wiederhole: Trumps Sieg war der Anfang vom Ende der autoritären Welle in westlichen Demokratien", antwortete ein österreichischer Journalist. "Die niederländischen Wahlen kurz zusammengefasst: hohe Beteiligung, viele Sieger, viele Verlierer, enttäuschte Auslandsmedien. Fazit: gesunde Demokratie." So fasste ein niederländischer Autor die neue allgemeine Meinung zusammen.

Es lohnt sich, kurz innezuhalten und den Anlass für all das Gejubel genauer zu betrachten: Geert Wilders ist einer der scheußlichsten Rechtspopulisten, die man sich nur vorstellen kann. Er schürt beharrlich Hass gegen Immigranten aus der Türkei und Marokko, und im Wahlkampf verkündete er seine Absicht, sämtliche Moscheen zu schließen – und obendrein den Koran zu verbieten. Bei den letzten Wahlen 2012 gewann seine Partei etwa 10 Prozent der Wählerstimmen. In den letzten Umfragen sah es aus, als ob Wilders jetzt auf etwa 15 Prozent kommen würde, was seiner Stimme etwas Nachdruck verliehen hätte, aber trotzdem weit entfernt von einer möglichen Regierungsbildung gewesen wäre. Stattdessen erreichte er etwa 13 Prozent, was seiner Stimme etwas Nachdruck verliehen hat, aber trotzdem weit entfernt von einer möglichen Regierungsbildung ist.

Erkennen Sie da groß Grund zum Feiern? Ich auch nicht.

Zum Teil liegt es vielleicht an der Metapher: Eine "Welle" suggeriert ein Phänomen, das plötzlich auftaucht, immer größer wird und genauso rasch wieder abfallen und immer kleiner werden kann. Aber Wissenschaftler wie etwa Pippa Norris und Ron Ingleheart (übrigens bekannt für ihren Optimismus) haben gezeigt, dass in den meisten Ländern das Emporkommen von Populisten langsam vonstattengeht, bereits lange vor 2016 (oder 2008) begonnen hat und immer wieder Schwankungen unterliegt.