Es war nur ein kurzer Fernsehmoment, doch er machte deutlich, wie hoch die Erwartungen an das Treffen zwischen Donald Trump und der deutschen Kanzlerin waren. Während die beiden Staatschefs für die Kameras posierten, hörte man, wie die Kanzlerin sich durch das Klicken der Fotografen hindurch an den US-Präsidenten wandte: Ob sie sich die Hände schütteln sollen? Trump blieb regungslos und lächelte weiter dünn in die Kameras vor ihm, während man Merkel für einige Sekunden die Irritation ansah. Schnell machte der Clip im Internet die Runde. Hatte der Präsident die Bitte der deutschen Besucherin schlicht nicht gehört – oder tatsächlich einfach ignoriert?

Die allgemeine Aufregung, hatte das Magazin Politico im Vorfeld des Treffens geschrieben, sei ausnahmsweise nicht überzogen. Zum ersten Mal sollten sich die deutsche Kanzlerin und der amerikanische Präsident persönlich gegenübertreten. Zwei Persönlichkeiten, die widersprüchlicher kaum sein könnten, sollten sich an gemeinsame Positionen – und aneinander – herantasten. Die Stimmung an diesem Freitag, da waren sich Beobachter in den USA einig, könne ein Vorzeichen sein für die künftige Beziehung der beiden wichtigsten westlichen Volkswirtschaften.

Stunden nach dem ersten Fauxpas traten Merkel und Trump am Nachmittag schließlich vor die Kameras. Die erste Pressekonferenz drohte zu einem vagen und vorsichtigen diplomatischen Geplätscher zu werden, doch dann kamen sie auf den Tisch, die großen heiklen Fragen, an denen in den vergangenen Wochen die Fronten zwischen der Kanzlerin und der neuen US-Regierung verlaufen waren. Trump zog sich dabei schnell zurück auf seine bekannte simplifizierende Logik: Er sei ein "Free Trader", aber eben auch ein "Fair Trader". Und fair ist in der Welt des neuen US-Präsidenten eben vor allem, was gut ist für sein Land. Amerika sei in der Vergangenheit von seinen Handelspartnern immer wieder ausgenutzt und unfair behandelt worden. "Das hört auf", versprach er.

Handel mit Deutschland? – "Fantastisch"

Merkel, die erfahrene Weltpolitikerin, blieb unbeirrt angesichts der "Schluss damit"-Rhetorik ihres Gegenübers. Die Bundeskanzlerin kennt sich aus mit den Alpha-Männchen der Weltpolitik, den Putins und Berlusconis und Sarkozys. Merkel verteidigte auf Nachfrage die Idee des Staatenbundes in Europa gegen die antieuropäischen Tendenzen der Trump-Regierung. Der deutsche Erfolg sei immer abhängig gewesen vom Erfolg der EU, sagte Merkel, und der freie Personenverkehr sei Voraussetzung dafür. Trump hielt sich dagegen mit Äußerungen zur EU auffällig zurück. Im Wahlkampf hatte der damalige Kandidat die antieuropäische Stimmung in Ländern wie Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden als willkommenen Beleg dafür gesehen, dass das europäische Modell gescheitert sei und sich die Menschen stärkere nationale Grenzen wünschten.

Am Freitag setzte die Kanzlerin dagegen – und zeigte sich auch bei ihren Plänen für ein bilaterales Handelsabkommen zwischen der EU und Amerika eindeutig. Sie erteilte den protektionistischen Argumenten des US-Präsidenten eine Absage und hatte ein Beispiel parat, das Donald Trump sein wohl wichtigstes Gegenargument nahm: Das Freihandelsabkommen mit Südkorea etwa habe nicht wie von vielen befürchtet zu weniger, sondern zu mehr Arbeitsplätzen geführt. Sie hoffe nach wie vor auf einen erneuten Anlauf in den stockenden Verhandlungen für ein Handelsabkommen zwischen der EU und den USA. Schließlich, sagte Merkel, habe sich die deutsche Perspektive über Zeit auch zugunsten eines Abkommens verschoben. Trump blieben ganz offensichtlich wenig Gegenargumente: Der Handel mit Deutschland werde "fantastisch" sein, versprach er.

Merkel weiß um ihre Rolle

Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Treffen hätten schwieriger kaum sein können, denn ausgerechnet die Beziehung zwischen den beiden wichtigsten Partnern gilt als angespannt. Im Wahlkampf hatte Donald Trump Merkel für ihre Flüchtlingspolitik scharf angegriffen und der Kanzlerin vorgeworfen, Deutschland mit ihrer Entscheidung "ruiniert" zu haben. Die Deutschen, so Trump, würden die entsprechenden Konsequenzen ziehen und die Kanzlerin "stürzen".  Zuletzt hatten Trumps Berater den Deutschen Währungsmanipulation vorgeworfen, der Präsident selbst sah das milliardenschwere Handelsdefizit wiederholt als Zeichen für eine "unfaire" Beziehung.

Die Kanzlerin wiederum hatte sich nach der Wahl mit überraschend deutlichen Worten an den eben gewählten US-Präsidenten gewandt. Sie werde mit Trump auf Basis demokratischer Grundwerte zusammenarbeiten, die ausnahmslos für alle Menschen gelten – unabhängig von Hautfarbe, sexueller Orientierung, Religion, Herkunft oder politischen Ansichten. Mit nur einer Stellungnahme war sie von den Linken in den USA so zur wichtigsten Verfechterin liberaler Werte erkoren worden. "Die Führerin der freien Welt trifft Donald Trump", hatte Politico das Treffen mit Trump angekündigt.

Merkel weiß um ihre Rolle. Nicht umsonst hatte die Kanzlerin den neuen US-Präsidenten im Vorfeld des Treffens laut Medienberichten so genau studiert, dass sie ihn inzwischen sogar aus dem Gedächtnis zitieren könne – unter anderem aus Interviews im Playboy. Es sei immer besser, miteinander statt übereinander zu reden, sagte Merkel am Freitag. Von einem Konsens waren beide da noch weit entfernt, aber nach 16 Jahren in der Politik weiß die Kanzlerin besser als der amerikanische Newcomer, dass es manchmal etwas länger dauert: Es sei nicht immer leicht, Kompromisse zu finden, "aber dafür sind wir schließlich gewählt worden".