Es ist viel zu früh für Spekulationen über ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump. Das wird so lange gelten, bis die laufenden Ermittlungen Klarheit über eine mögliche Verbindung seines Teams mit russischen Akteuren während des US-Wahlkampfs gebracht haben – oder eben nicht. Vielleicht sollte die Aussicht darauf nicht völlig den Blick auf den US-Präsidenten und sein durchaus größtes Problem bestimmen. Die Luft wird dünner für ihn, es wird eng, die Rufe nach einem Impeachment werden lauter – solche Beschreibungen sind Teil eines Narrativs, das Trumps unrühmliches Ende fast schon als unausweichlich annimmt. Da scheint es nur noch eine Frage der Zeit, dass alles herauskommt. Es muss nur genug geprüft, gewühlt und geleakt werden.

So verlockend es auch sein mag, die dieser Tage viel bemühten Checks and Balances darauf zu reduzieren, sie müssten Trump endgültig stoppen: Es wird kaum so weit kommen. Sollten die Ermittlungen tatsächlich hervorbringen, dass der Kandidat und seine Wahlkämpfer direkt an russischen Einflussversuchen beteiligt waren oder sich, ob freiwillig oder unter Druck, sonst wie mit russischen Akteuren koordiniert haben – ja, es wäre wohl das Ende dieser Präsidentschaft. Vielleicht. Man darf zwar annehmen, dass ein solcher Verrat auch den republikanischen Abgeordneten zu viel wäre, die letztlich eine Amtsenthebung durch den Kongress bringen müssten. Sicher ist auch das nicht. Und alles unterhalb einer persönlichen Beteiligung Trumps schadet ihm politisch (dem Amt mehr noch als ihm), wird aber eher nicht unmittelbar seinen Sturz auslösen.

Das Scheitern ist längst zum Alltag dieses Präsidenten geworden, wenn man es anders bemisst als allein über die Frage "Bleibt er oder muss er gehen?". Was ihn zunächst gar nicht stört: Es kann so mies laufen, wie es will – für Trump läuft es great. Da können die "unehrlichen Medien" noch so sehr eine andere Realität beschreiben: ein rassistischer Einreisestopp, den die Gerichte zum wiederholten Mal kassieren, ein brutaler Haushaltsplan, der keine Chance auf Verabschiedung hat, ein unbarmherziger Plan für die Krankenversicherung, der auch nicht viele Freunde findet. Da kann auch FBI-Chef James Comey in der Kongressanhörung ultimativ klarstellen, dass es für Trumps Anschuldigung, sein Vorgänger Barack Obama habe ihn während des Wahlkampfs abhören lassen, nicht den Hauch einer Grundlage gibt – der Präsident behauptet weiter das Gegenteil.

Lügen ohne Konsequenzen?

Es gibt im Grunde kein Instrument gegen Trumps Realitätsverweigerung – abgesehen vom Impeachment, das nicht kommen wird, wenn nicht harte Beweise für Landesverrat, Korruption oder andere eindeutige Verbrechen ans Licht geholt werden. Trump lässt sich nicht durch fact-checking aushebeln. Es beschämt ihn nicht, wenn er auffliegt. Er hat erfahren, dass es kaum direkt spürbare Folgen hat, wenn er sich alles so zurechtlügt, wie er es gerade braucht (abgesehen von der historisch niedrigen Zustimmung für seine Arbeit, die Trump in Umfragen erhält). Also bleibt es dabei.

Der am Wochenende verstorbene amerikanische Kolumnist und Pulitzerpreisträger Jimmy Breslin schrieb schon Ende der achtziger Jahre über Trumps Talent: Er könne besser und schneller als jeder andere "die Unsicherheit der Menschen spüren, dass niemand weiß, ob etwas gut oder schlecht ist, bis man es ihnen sagt – und er ist ziemlich willens, es ihnen sofort zu sagen". Noch gibt es offenbar genug Menschen, die auf diesen Mann hören, oder denen es auf die eine oder andere Art egal ist, was der Präsident so alles von sich gibt. Niemand – nicht Journalisten, nicht Bürger, nicht Politiker – sollte einer Regierung alles glauben. Wenn aber gar nichts mehr zu glauben ist, was dann?

Hass, Neid und Angst

Ein tiefes Misstrauen hat sich längst in den politischen Prozess eingefressen. Trumps krankes Verhältnis zur Wahrheit hat Metastasen gebildet, die weit über die Regierungsmannschaft hinaus wuchern. Das Weiße Haus – so dringt es nach draußen – ist ein Ort von Hass, Neid und Angst, jeder intrigiert für sich selbst. Doch die Unsicherheit, ob man sich wenigstens auf dieselbe Realität bezieht, wenn man schon über Politik streiten muss, ist in ganz Washington maximal. Die Spaltung verläuft dabei nicht mehr halbwegs sauber zwischen den Parteien, sie reißt zusätzlich die Republikaner in tausend Stücke.

Denn die Abgeordneten und Senatoren müssen sich entscheiden, ob sie ihr Wohl und Wehe an Trump binden wollen. Wenige dürften aus Überzeugung hinter ihm stehen, höchstens in einzelnen Fragen: Im Kongress hat dieser Präsident kein Team, das seine komplette Agenda tragen würde, trotz der republikanischen Mehrheit in beiden Häusern. Jene, die für ihn kämpfen, tun dies aus eigenem Machtinteresse. Sie werden so lange auf seiner Seite sein, wie sie glauben, unter ihm ihre eigenen Ziele verwirklichen zu können. Viele müssen sich allerdings im kommenden Jahr der Kongresswahl stellen – für sie ist also extrem wichtig, wie ihre Basis zu Trump steht.

Die Republikaner wollen es nicht wissen

Auf diese Art wird die Realität ihn dann doch irgendwann einholen. Trump weiß das, aber ihm fällt derzeit nichts Besseres ein, als den Abgeordneten zu drohen, die etwa bei der Krankenversicherung nicht mitziehen wollen: Sie würden "politische Probleme" bekommen. Weil er eben glaubt, der geplante Umbau sei genau das, was seine Anhänger wünschten – und dass sich seine Basis mit jener der Republikaner deckt. Wenn er sich da mal nicht verzockt.

Deshalb sind die Ermittlungen doch nicht erst dann eine Gefahr, wenn sie irgendwann den Präsidenten persönlich und unwidersprüchlich belasten. Comeys Anhörung hat deutlich gemacht: Die Verdachtsmomente sind offenbar nicht nur groß genug dafür, dass das FBI ihnen seit Monaten nachgeht, sondern dies auch noch Wochen, Monate, sogar Jahre tun könnte. Es wäre keine Überraschung, wenn währenddessen immer wieder vorab Details an die Öffentlichkeit kämen – die Trump zwar ignorieren dürfte, die Republikaner aber nicht. So erklärt sich auch die Linie, die sie gegenüber Comey gefahren haben: Der eigentliche Skandal sind für sie die vielen Leaks, nicht deren Inhalt, davon wollen sie möglichst wenig wissen.