Eine Frage plagt die USA derzeit wie keine andere: Welchen Einfluss hatte Russland auf die US-Wahlen im November und vor allem auf den Präsidenten Donald Trump? Und welchen Zugang hat es möglicherweise noch immer? Fast täglich gibt es neue Informationen:

Da ist der Rücktritt von Trumps Sicherheitsberater Michael Flynn, der noch vor der Amtsübernahme Gespräche mit russischen Offiziellen über eine Lockerung von Sanktionen geführt hatte. Da ist das Eingeständnis seines Justizministers und vormaligen Wahlkampfberaters Jeff Sessions, sich entgegen seinen früheren Aussagen während der Kampagne zweimal mit dem russischen Botschafter getroffen zu haben. Da sind die Spekulationen, es gebe in Russland belastende Informationen über den heutigen US-Präsidenten, gesammelt bei einem Besuch Trumps in Moskau. Und nicht zuletzt die Frage, welche Geschäftsbeziehungen Trumps Unternehmen mit Russland unterhielten oder es noch tun.

Gleich mehrere Untersuchungen laufen derzeit in Washington und die Opposition fordert einen Sonderermittler, der Trumps Verbindungen zum Kreml untersuchen soll. Noch gibt es mehr Fragen als Antworten.

Die wichtigsten Entwicklungen nach heutigem Stand:

Das Hacking der Parteien

Während des Wahlkampfs verschafften sich Hacker Zugang zu internen Kommunikationssystemen der beiden großen US-Parteien sowie zu E-Mail-Konten von Parteivertretern. Nach Erkenntnissen der US-Geheimdienste, Justizbehörden sowie privater Sicherheitsfirmen haben die Angreifer Verbindungen zur russischen Regierung. Im Fall des RNC, der Parteiorganisation der Republikaner, erbeuteten die Hacker laut dem FBI allerdings nur veraltete E-Mail-Adressen und Dokumente. Keine der auf diese Weise erlangten Informationen sei verwendet worden, sagte FBI-Chef James Comey bei einer Anhörung vor dem Geheimdienstausschuss des Senats.

FBI-Chef James Comey © Gary Cameron/Reuters

Bei den Demokraten waren die Hacker nicht nur wesentlich erfolgreicher, sie nutzten die illegal verschafften Dokumente und E-Mails auch, um die Wahl in den USA zu beeinflussen und Stimmung gegen die Kandidatin Hillary Clinton zu machen. Im September 2015 meldete sich ein FBI-Agent beim Democratic National Committee. Er hatte alarmierende Nachrichten: Eine Hackergruppe namens The Dukes, die von den Ermittlern mit der russischen Cyberspionage in Verbindung gebracht wurde, sei in das Computersystem der Parteizentrale der Demokraten eingedrungen.

Der FBI-Agent landete beim IT-Helpdesk, den ein Mitarbeiter eines Subunternehmens betreute. Der Mitarbeiter suchte zunächst bei Google nach den Dukes und dann intern nach Hinweisen auf eine Hackerattacke. Obwohl der FBI-Agent in den folgenden Wochen mehrfach bei den Demokraten anrief, unternahm der IT-Beauftragte wenig mehr. Laut einem internen Bericht war er nicht sicher, ob es sich bei dem Anrufer tatsächlich um einen FBI-Agenten handelte oder um jemanden, der einen Streich spielen wollte, berichtete die New York Times später. Erst im März 2016, fast sieben Monate später, wurde die Bedrohung klar und die Parteileitung begann mit Abwehrmaßnahmen. Währenddessen hatte eine zweite Hackergruppe, ebenfalls aus Russland, mit einer weiteren Attacke begonnen. Diese Gruppe war in amerikanischen Cyber-Sicherheitskreisen als Fancy Bear bekannt. Unter anderem soll Fancy Bear hinter dem Angriff auf den deutschen Bundestag im Jahr 2015 gesteckt haben.

Der Angriff von Fancy Bear war technologisch nicht besonders anspruchsvoll. Die Hacker schickten Parteivertretern der Demokraten Phishing-Nachrichten, E-Mails von angeblich seriösen Absendern, die den Adressaten aufforderten, sein Passwort zu ändern. Auch John Podesta, zu dem Zeitpunkt Hillary Clintons Wahlkampfmanager, erhielt eine solche E-Mail. Ein Mitarbeiter Podestas erklärte die Nachricht für glaubwürdig und Podesta antwortete auf den Phishing-Versuch. (Der Mitarbeiter erklärte später, er habe sich vertippt.) Auf diese Weise erlangten die Hacker Zugang zu Zehntausenden E-Mails, die Podesta, der 2014 für Präsident Obama einen Bericht über Datenschutz verfasste, auf seinem Konto gespeichert hatte.

Lange blieb unklar, was die Hacker vorhatten. Dann meldete sich am 20. Juni ein Guccifer 2.0 auf Twitter. Die Parteizentrale der Demokraten sei von einem "Hacker im Alleingang" angezapft worden, schrieb er in der Nachricht. Um zu beweisen, dass er tatsächlich Originaldokumente heruntergeladen hatte, fügte er die Kopie eines vertraulichen Strategiepapiers der Demokraten über Donald Trump bei. Guccifer 2.0 kündigte an, er habe "Tausende Dokumente an WikiLeaks weitergeleitet" und fügte hinzu, die Organisation werde diese bald veröffentlichen.

Der Name Guccifer 2.0 ist eine Anspielung auf Marcel Lazăr Lehel, einen rumänischen Hacker, der sich Guccifer nannte. Lazărs Ziele waren US-Prominente – unter anderem hackte er sich in die E-Mails eines Clinton-Vertrauten und veröffentlichte Bilder, die George W. Bush gemalt hatte. Er wurde gefasst, an die USA ausgeliefert und im September zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Wer hinter Guccifer 2.0 steckt, ist nicht bekannt. Ein Reporter von Motherboard kommunizierte auf Rumänisch mit ihm, stellte aber fest, dass sein Gesprächspartner seine Antworten offenbar mit Google Translate übersetzte. Auf seiner Website besteht Guccifer 2.0 darauf, ein Einzeltäter zu sein und keine Verbindung nach Russland zu haben.

Während die Parteiführung der Demokraten damit beschäftigt war, das Ausmaß des Schadens herauszufinden und die Schutzmaßnahmen zu verbessern, fanden die Vorwahlen statt. Hillary Clinton konkurrierte um die Kandidatur mit Bernie Sanders, der sich als überraschend harter Rivale erwies. Am 22. Juli, drei Tage vor dem Parteitag der Demokraten, auf dem die Entscheidung fallen sollte, veröffentlichte WikiLeaks, wie von Guccifer 2.0 angekündigt, Zehntausende E-Mails von Parteioffiziellen. Darunter befand sich eine interne Botschaft der Parteivorsitzenden Debbie Wasserman Schultz, in der diese über Sanders schrieb: "Er wird nie Präsident." Auch andere E-Mails zeigten, dass die Parteispitze Kandidatin Clinton bevorzugte. Wasserman Schultz trat zurück. Doch die Kontroverse hielt an. Anhänger von Sanders sahen sich hintergangen. Wenn es das Ziel der Hacker gewesen war, Clinton zu schaden, waren sie erfolgreich.