Es kann wohltuend sein, dass etwas nicht zur Sprache kommt. Als sich am frühen Donnerstagabend im Auditorium der Berliner Hertie School of Governance zwei europäische Spitzenpolitiker und ein weltberühmter Philosoph zum Gespräch über Europas Zukunft treffen, fallen weder das Wort AfD noch die Namen Putin, Trump, Orban, Wilders oder Le Pen.

Darin folgen die Diskutanten dem Rat ihres Ältesten. Der 88-jährige Jürgen Habermas hatte im vergangenen Herbst in einem Interview in den Blättern für deutsche und internationale Politik die "Dethematisierung" des neuen Rechtspopulismus gefordert. Statt dessen kruden Krisenbeschreibungen (Flüchtlinge, Freihandel, Diversität) zu folgen, so Habermas damals, sollten liberale Politiker die wirklichen Probleme Europas identifizieren und um Lösungen wetteifern.

Emmanuel Macron hält sich nicht nur an diesem Abend daran. Er scheint aus dieser Forderung geradezu sein Wahlkampfprogramm gemacht zu haben. Der 39-Jährige arbeitet sich bei seinen Auftritten in Frankreich nicht an den Versprechen der Rechten Marine Le Pen ab. Er sagt stattdessen, was er selbst erreichen will: weniger Bürokratie und lähmende Regulierung in Frankreich, mehr Offenheit und Zusammenarbeit in Europa. Damit könnte Macron bei der Präsidentschaftswahl im Mai Le Pen aus dem Rennen nehmen. Was ihn nach Berlin zu Angela Merkel führt und auf das Podium der Hertie School. Dort sitzt er zwischen Habermas und dem neuen deutschen Außenminister und gerade noch SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, den Macron noch aus der Zeit kennt, in der beide Wirtschaftsminister waren.

Europas gefährliche Ungleichheit

Dem übervollen Auditorium skizziert zunächst Jürgen Habermas den Status quo. Ein "Gefühl der Gereiztheit" verbinde als politische Grundbefindlichkeit derzeit die Bürger Frankreichs und Deutschlands. Zudem sei Europa in der Rolle des Verteidigers liberaler Werte seit Kurzem auf sich allein gestellt. Lösungen ließen sich auf supranationaler – also europäischer – Ebene zwar finden, doch sei Europa tief gespalten.

Die Durchsetzung der Austeritätsmaßnahmen habe zu völlig konträren Sichtweisen auf Europa in den unterschiedlichen Ländern und "zu großer Aggression" geführt. Die strukturellen wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der EU seien eine "tickende Zeitbombe", die insbesondere die deutsche Bundesregierung entschärfen müsse, so Habermas.

Der Theoretiker des kommunikativen Handelns nutzt gemäß der eigenen Philosophie Gelegenheiten wie diese regelmäßig für eine klare Botschaft: Werde das ökonomische Auseinanderdriften Europas nicht gestoppt, finde der Kontinent auch bei anderen Herausforderungen keinen Konsens.

Was sagt der vielleicht nächste französische Präsident dazu? Der lässt den Ball, den Habermas vorgelegt hat, erst mal im Feld liegen.

Frankreich - Macron, der Hoffnungsträger der Franzosen Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron ist für viele seiner Landsleute zum Hoffnungsträger geworden. Umfragen zufolge könnte der 39-jährige Pro-Europäer mit der rechtsextremen Marine Le Pen in die Stichwahl einziehen. © Foto: Jean-Philippe Ksiazek/Getty Images/AFP

Ein zaghafter Europäer ist ein besiegter Europäer

Statt die Sparmaßnahmen zu geißeln, wendet sich Macron seiner eigenen Analyse zu. Die Europäische Union habe seit der Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon vor knapp zehn Jahren keine gemeinsame Erzählung mehr, so Macron. Ihr fehle ein gemeinsamer Wille, der sich auf ein klares Ziel richte. Europa vertrage aber keinen Stillstand. "Wenn Sie ein zaghafter Europäer sind, sind Sie bereits ein besiegter Europäer."

Auch den Deutschen ruft Macron damit sein "En Marche" entgegen: Vorwärts! "Man kann Wahlen gewinnen, wenn man eine Idee von Europa hat und diese verteidigt", sagt er. Es sei das deutsch-französische Verhältnis, von dem "das europäische Momentum" ausgehen müsse. Da Misstrauen und uneingelöste Versprechen das Verhältnis der Nachbarn zerrüttet hätten, wirbt Macron dafür, zuallererst diese Beziehung zu erneuern. Dafür will er bei sich selbst anfangen und in Frankreich überfällige Reformen anstoßen.

Deutschlands Beitrag könnte Sigmar Gabriel zufolge darin bestehen, sich von falschen Erzählungen über Europa zu verabschieden. Es sei eine Fake-News, dass Deutschland seit 30 Jahren der "Lastesel Europas" sei. Im Gegenteil habe Deutschland wie kein anderes Land von Europa profitiert. Außerdem habe Deutschland sich eben nicht "gesund gespart", sondern parallel zu den Sozialstaats- und Arbeitsmarktreformen in Bildung, Forschung und erneuerbare Energie investiert. Wenn sich seine SPD zutraue, mit solchen Parolen aufzuräumen und einen dezidiert proeuropäischen Wahlkampf zu führen, gäbe es auch Mehrheiten zu gewinnen, sagt Gabriel.

Investitionen, Grenzsicherung, Verteidigung

Ob das reichen wird? Selbst wenn die Rechtspopulisten wieder schwächer würden, muss Europa bei der Verteilung von Flüchtlingen, dem Brexit, der Terrorbekämpfung, beim Umgang mit den Außengrenzen, mit Syrien und der Ukraine schnellstmöglich weg von seiner inneren Zerrissenheit.

Dafür, so schlägt es Macron zum Abschluss der knapp einstündigen Debatte vor, solle sich Europa im Kern auf drei Themen konzentrieren: Investitionen, Grenzsicherung und Verteidigung. Er nennt diesen Dreiklang einen "New Deal", der der EU die Möglichkeit gäbe, gemeinsam auf Risiken zu reagieren.

Kurz zuvor hatte Sigmar Gabriel allerdings verdeutlicht, worin er den größten Antrieb sieht, um zumindest die Deutschen wieder für mehr Europa zu begeistern: "Deutschland hat ein ökonomisches Interesse daran, dass es der EU gut geht." Das hieße zwar Ja zu möglichen Investitionen, um etwa die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen Ländern Europas einzudämmen. Das echte Bekenntnis zu einer gemeinsamen Vision jenseits des wirtschaftlichen Vorteils steckt in diesen Worten aber nicht.

Diese Unterschiede werden an diesem Abend in Berlin nicht weiter ausdiskutiert. Zumindest bis zur Präsidentschaftswahl in Frankreich am 7. Mai und vielleicht sogar bis in den September muss sich die Erzählung vom Aufbruch noch nicht allzu viele konkrete Fragen gefallen lassen. Doch spätestens danach müsste ein Gespann Macron-Merkel oder Macron-Schulz in vielen komplizierten Punkten nah genug zusammenfinden, um Europa nicht – wie es Habermas formulierte – durch Zögern kaputtgehen zu lassen.