ZEIT ONLINE: Herr Außenminister, wie würden Sie Ihr Nachbarland Russland beschreiben?

Sven Mikser: Wir erleben Russland als ein Land, das seine alte Hegemonie wieder herstellen will in jenen Gebieten, die früher Teil des Russischen Reichs waren oder unter seiner Dominanz standen. In den vergangenen zehn Jahren hat das Kreml-Regime mit der Ukraine und Georgien zwei Kriege gegen seine Nachbarn geführt, was ein gewisses Muster verdeutlicht. Ich glaube aber nicht, dass Wladimir Putin jeden Morgen mit dem Gedanken aufwacht, wie man am besten Estland erobern könnte. Aber im Verhältnis mit Westeuropa und dem Nato-Bündnis versteht er Sicherheit als ein Nullsummenspiel.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Mikser: Er glaubt, was geopolitisch gut für den Westen ist, kann per definitionem nicht gut sein für Russland. Wo Putin mangelnde Einigkeit oder Zaghaftigkeit erkennt, sieht er eine Chance, das machtpolitische Vakuum selbst zu füllen, und die lässt er sich nicht entgehen. Putin ist ein rationaler Spieler. Aus unserer Perspektive ist es extrem wichtig, seiner expansionistischen Politik mit einer sehr eindeutigen und vereinten euroatlantischen Position zu begegnen. Das ist die beste Art, ihn zu entmutigen.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie deshalb die Nato-Truppen im Baltikum?

Mikser: Die Nato sendet damit ein Signal der Bestimmtheit: Man ist bereit, Verbündete zu verteidigen, sollten diese in Not sein. Die Anzahl der Nato-Truppen ist sehr moderat gemessen an den Truppen, die Russland auf der anderen Seite der Grenze in Stellung gebracht hat.

ZEIT ONLINE: Aus Ihrer Sicht zu moderat?

Mikser: Nein. Es ist ausreichend, um die politische Botschaft zu senden, dass die Allianz zusammenhält und Putin besser nichts Provokatives unternimmt. Trotzdem beklagen sich die Russen manchmal, dass die Nato an ihre Grenzen heranrückt und eine Bedrohung darstellt. Wenn man jedoch die Nato-Truppen zählt und die Waffen, dann ist es absolut undenkbar, dass die Nato in irgendeiner Form Russland bedrohen könnte.

ZEIT ONLINE: Die Nato-Ausdehnung nach Osten ist nun mal die rote Linie der Russen. Wie sollen wir damit umgehen?

Mikser: Die Nato ist ein rein defensives Bündnis, sie hat keinerlei Ambitionen, was Russland angeht. Russland begreift seine Nachbarländer als eine natürliche Einflusssphäre seiner privilegierten Interessen. Wir hingegen glauben, dass jedes Land selbst über seine geopolitische Orientierung entscheiden sollte, Russland eingeschlossen. Sie können jede Entscheidung treffen, die sie wollen – aber nur für sich selbst und nicht für die Ukraine, für Georgien oder die baltischen Staaten.