Die verbliebenen 27 EU-Staaten haben sich am 60. Jahrestag der Römischen Verträge zu einer gemeinsamen Zukunft des Europäischen Union bekannt. In Rom unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs eine gemeinsame Erklärung über die künftige Entwicklung des Staatenbundes (Link zum Dokument). In der italienischen Hauptstadt wurden 1957 auch die Römischen Verträge unterzeichnet, die zunächst zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und später zur Europäischen Union führten. Zu den Unterzeichnerstaaten gehörten damals Deutschland, Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten.

"Europa als politische Gemeinschaft wird entweder vereint sein, oder es wird überhaupt nicht mehr sein", sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk bei den Jubiläumsfeiern in Rom. "Und nur ein souveränes Europa garantiert die Unabhängigkeit seiner Nationen, die Freiheit seiner Bürger." Der europäische Einigungsprozess sei kein bürokratisches Modell, sondern geprägt durch gemeinsame Werte und demokratische Standards. 

Tusk rief die 27 verbleibenden Mitgliedstaaten dazu auf, eine Führungsrolle zu übernehmen. "Beweist heute, dass ihr die Anführer Europas seid, dass ihr euch um dieses große Erbe kümmern könnt, das wir von den Helden der europäischen Einheit vor 60 Jahren übernommen haben", sagte er in seiner Eröffnungsrede. "Sie hatten den Mut des Kolumbus, unbekannte Gewässer zu besegeln, eine neue Welt zu entdecken."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hob in Rom die Notwendigkeit eines starken Europas hervor. "Wir wollen ein sicheres Europa, ein schützendes Europa, wir müssen unsere Außengrenzen besser schützen, wir wollen ein wirtschaftlich starkes Europa", sagte Merkel. Ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten bedeute keinesfalls, "dass es kein gemeinsames Europa ist".

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte schon vor dem Jubiläumsgipfel verkündet, er glaube an den Fortbestand der EU. "Es wird einen 100. Geburtstag der Europäischen Union geben", sagte Juncker im Gespräch mit heute.de. Einer europäischen Vision erteilte er aber eine Absage. "Wir werden nie erleben, dass die Europäische Union ein Staat wird", sagte Juncker. "Ich bin gerne Luxemburger, bin gerne Europäer, andere sind gerne Tiroler, Niederösterreicher, Österreicher, Bayern, Bretonen." Europa könne man auch durch "Gleichmacherei" töten. Wie es mit der EU in Zukunft weitergehen könnte, hatte der Kommissionschef Anfang März in einem Weißbuch anhand von fünf künftigen Szenarien vorgestellt.

Auch andere Teilnehmer schlugen einen positiven Ton an. Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite sagte: "Europa war immer Herausforderungen ausgesetzt, aber es hat alles überdauert und es wird für immer halten." Luxemburgs Regierungschef Xavier Bettel betonte, die EU sei mit 60 noch nicht reif für die Rente. "Wir haben ein Familienmitglied weniger heute", fügte er hinzu. "Aber für mich heißt das weiterarbeiten – vielleicht auch andere Möglichkeiten." Der österreichische Bundeskanzler Christian Kern forderte mehr gemeinsames Engagement für die EU. "Alleine haben wir keine Perspektiven", sagte er.  

Nicht in Rom anwesend war die britische Premierministerin Theresa May, deren Land im vergangenen Jahr per Referendum für den Brexit gestimmt hatte. In der kommenden Woche will die britische Regierung offiziell den Austritt aus der EU beantragen.

Tausende Demonstranten

Im Zentrum der italienischen Hauptstadt wurden am Samstag rund 30.000 Demonstranten – sowohl für als auch gegen die EU – erwartet. Die Polizei war mit Tausenden Beamten im Einsatz. Papst Franziskus hatte die EU vor dem Sondergipfel zur Rückbesinnung auf ihre Grundprinzipien aufgefordert. Die EU drohe zu "sterben", falls sie keine neue Vision entwickle, die auf dem Ideal der Solidarität beruhe, sagte er am Freitag.

In Berlin waren 4.000 Demonstranten auf den Straßen und zogen vom Bebelplatz zum Brandenburger Tor. Nach Angaben der Veranstalter folgten sie dem Aufruf verschiedener Vereine und Gewerkschaften, für ein geeintes und freies Europa und zugleich "gegen die Rückkehr zu Nationalismus, Abschottung und Konfrontation" zu demonstrieren.