400 europäische Fallbearbeiter sollten ihre griechischen Kollegen unterstützen. Monatelang waren es aber lediglich ein paar Dutzend, und heute ist die europäische Asylbehörde, die die Hilfe koordiniert, sehr stolz darauf, dass mittlerweile 100 Kollegen im Einsatz sind. Die EU-Mitgliedsländer schicken einfach zu wenige Helfer auf die Inseln – teils, weil sie wie das Deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge selbst genug zu tun haben, teils, weil sie sich gar nicht in der Pflicht sehen. Auf dem Papier ist das Abkommen zwar eines der gesamten EU, doch in der Praxis interessiert sich eine ganze Reihe von Ländern kaum für ihren Anteil an der Umsetzung, seit die Flüchtlinge nicht mehr kommen. Nur die Fassade des Abkommens ist noch gesamteuropäisch.

Nicht nur für die griechischen Inseln ist das ein Problem, sondern auch für die Zukunft der EU. Denn sie macht ja seit gut einem Jahr hochfliegende Pläne für eine europäische Asylpolitik. Am 6. April 2016, also nur wenige Tage nach Inkrafttreten des Abkommens mit der Türkei, skizzierte die EU-Kommission eine grundlegende "Reform des gemeinsamen Asylsystems". Der Widerspruch zwischen dem praktischen Versagen auf Lesbos, das bis heute andauert, und den großen theoretischen Zukunftsplänen aus Brüssel ist riesig.

Immer mehr Flüchtlinge sitzen auf den Inseln am Rande Europas fest und warten darauf, dass es für sie endlich weitergeht. In Lagern wie Moria auf Lesbos kann es Monate dauern, bis sie ihren Bescheid erhalten. Moria ist hoffnungslos überbelegt. Im Winter war es lange nicht beheizt, und die Essensversorgung funktionierte auch nicht. Für die Insassen sind das frustrierende Umstände, und manche wurden gewalttätig. Sie griffen Büros an oder legten Feuer im Lager – was wiederum manchen Ländern als Grund diente, erst recht keine weiteren Fallbearbeiter mehr auf die Inseln zu schicken, sodass sich die Asylanträge nun noch mehr türmen. Es ist ein fataler Kreislauf.

Bisher sind 916 Menschen in die Türkei zurückgeschickt worden, doch in der gleichen Zeit kamen fast 30.000 nach Griechenland. Statt sich zu leeren, werden die Lager in Griechenland immer voller.

Schneller entscheiden mit McKinsey

Ein weiterer Grund dafür, dass so wenige Flüchtlinge zurückgeschickt werden: Die griechischen Behörden tun sich schwer damit, die Türkei als sicher einzustufen. Nur in ungefähr 1.500 Fällen entschied die Asylbehörde, man könne syrische Flüchtlinge guten Gewissens dorthin zurückschicken. Doch die Betroffenen legten Einspruch ein, und 400 von ihnen haben Recht bekommen und dürfen nun doch in  Griechenland bleiben. Über das Schicksal der anderen ist noch nicht entschieden. Zwei der Flüchtlinge haben geklagt, bis ihre Sache vors höchste griechische Gericht kam – von dessen Urteil wird auch abhängen, was mit den anderen rund 1.000 Syrern geschieht, deren Fälle in zweiter Instanz noch offen sind. Der griechische Staat aber hat inzwischen die zuständigen Kommissionen umbesetzt. Die neuen Mitglieder sind Richter, die vermutlich strenger urteilen werden als ihre Vorgänger.

Weit weg in Brüssel drängt die EU-Kommission unterdessen seit einem Jahr, endlich mehr Menschen schneller zurückzuschicken. Dafür spannt sie jetzt auch Unternehmensberater ein. Mitarbeiter von McKinsey sind an einem Aktionsplan beteiligt, der im vergangenen Herbst entwickelt wurde und jetzt in die Praxis umgesetzt werden soll. Er sieht beispielsweise vor, dass in Zukunft weniger Rücksicht auf besonders schutzbedürftige Personen, also Kranke, Minderjährige oder Alleinerziehende, genommen werden soll. Die McKinsey-Berater treffen sich mindestens einmal die Woche mit allen anderen Beteiligten, um die Asylverfahren zu beschleunigen. Hilfsorganisationen, aber auch hochrangige Vertreter der griechischen Asylbehörde, wehren sich gegen den Zeitdruck. Sie sagen, ihre wichtigste Aufgabe sei nicht Schnelligkeit, sondern Fairness und Gründlichkeit.

Alles wäre etwas einfacher, würden die anderen EU-Länder sich an ihre weiteren Zusagen halten. Denn sie versprachen nicht nur, Fallbearbeiter auf die Inseln zu schicken – sie wollten auch Flüchtlinge aus Griechenland und der Türkei in relevanter Zahl bei sich aufnehmen, um die beiden Länder zu entlasten. Von 160.000 Menschen war ursprünglich die Rede. Aber tatsächlich – formal korrekt betrachtet – haben die Europäer sich bislang nur dazu verpflichtet, bis September des laufenden Jahres 98.255 Personen aus Italien und Griechenland innerhalb der EU umzusiedeln, dazu eine weit geringere Zahl von Flüchtlingen aus der Türkei.

Es geht nur langsam voran. In der griechischen Asylbehörde klagt man seit Monaten darüber, dass die anderen Staaten die Umsiedlungen "unnötig kompliziert und langsam" machten. Frankreich beispielsweise wäre zur Aufnahme von 12.599 Personen verpflichtet, aber bisher sagten die französischen Behörden nur 4.170 Flüchtlingen fest zu. Gerade einmal 2.476 konnten tatsächlich einreisen. Österreich hat ein Soll von 1.491, bisher aber noch gar keinen Flüchtling aus Griechenland bei sich aufgenommen.

Insgesamt sind bis Ende Februar erst 13.546 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland in andere europäische Länder gebracht worden, weswegen die EU-Kommission jüngst ungewöhnlich deutlich auf die Mitgliedsstaaten schimpfte: Es habe nun "genug Ausreden" gegeben, sagte Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos. Er verlangte, künftig sollten monatlich 3.000 Personen aus Griechenland auf andere Länder verteilt werden.