Es gibt derzeit einfachere Berufe als den des Meinungsforschers. Die Meinungsforscher hatten so ihre Probleme, Donald Trump vorherzusehen oder den Brexit, und wurden dafür stark kritisiert. Jerôme Fourquet ist Meinungsforscher in Frankreich, und auch bei ihm läuft es nicht so rund: "Vor unseren Augen wechselt das politische System. Es ist die unvorhersehbarste Wahl aller Zeiten." Innerhalb weniger Wochen hat sich für den Leiter der politischen Abteilung des Pariser Instituts Ifop alles verändert, und zwar mehrfach. Es gibt überraschende Aufsteiger, neue wahrscheinliche Sieger und abstürzende Anführer.

In einem zumindest scheinen die verschiedenen französischen Umfrageinstitute einig: Der parteiunabhängige liberale Kandidat Emmanuel Macron und die rechtsextreme Marine Le Pen werden sehr wahrscheinlich den ersten Wahldurchgang am 23. April gewinnen, vermutlich liegt Le Pen vorne. Zwei Wochen später sollen sich die Franzosen dann in der Stichwahl zu rund 60 Prozent für Macron und mit 40 Prozent für Le Pen entscheiden, so sagen es die Prognosen. Die Institute stimmen aber auch überein, dass es noch eine große Unsicherheit über die Chancen für Marine Le Pen gibt. "Dass Le Pen gewinnt, ist nicht das Wahrscheinlichste. Es ist aber auch nicht ausgeschlossen", sagt Fourquet. Seit 15 Jahren arbeite Fourquet für Ifop, aber so vorsichtig sei er in seinen Aussagen noch nie gewesen.

Dieses Mal gibt es gleich drei große Unbekannte in Frankreich. Zwei unbeliebte Präsidenten, der inzwischen mehrfach angeklagte frühere konservative Staatschef Nicolas Sarkozy und der sozialistische Amtsinhaber François Hollande, der unbeliebteste französische Präsident aller Zeiten, haben das traditionelle Zwei-Parteien-System im Land zerstört. Davon profitiert vor allem Le Pens rechtsextremer Front National – er ist zugleich die größte Unbekannte in den Umfragen.

Frankreich - Macron gegen Le Pen Die aussichtsreichsten Kandidaten im französischen Wahlkampf könnten kaum unterschiedlicher sein. Ein Überblick der Themen, mit denen Marine Le Pen und Emmanuel Macron Wahlkampf machen © Foto: Joel Saget / Getty Images, Lemaistre / Shutterstock

Die Wählerschaft von Marine Le Pen ist nicht nur skeptisch gegenüber den etablierten Parteien und Europa, sie ist auch skeptisch gegenüber den Demoskopen und äußert sich daher oft nicht in den Umfragen. Oder ihre Anhänger geben an, andere Parteien zu wählen. Häufig wurde der Front National deshalb unterschätzt. Niemand hatte beispielsweise vorhergesehen, dass Parteigründer Jean-Marie Le Pen, der Vater der jetzigen Kandidatin und Parteivorsitzenden, 2002 in die zweite Runde einziehen würde. Deswegen werden die Wähler heute anonym im Internet befragt. Telefonische Befragungen und Interviews an der Haustür gibt es kaum noch, die Franzosen werden per zufällig entsandter E-Mail angesprochen. "Bei diesen anonymen Angaben sind die Front-National-Wähler ehrlicher", sagt Emmanuel Rivière, Geschäftsführer vom Meinungsforschungsinstitut Kantar Public.

Viele unterschiedliche Schichten stimmen für Le Pen. Es sind rechtskonservative, national denkende und verarmte, aber andererseits auch gut situierte Menschen, die sich nach der alten, kulturell homogeneren, für alle sorgenden Grande Nation zurücksehnen. Alle eint, dass sie die Globalisierung, Europa und Migranten vor allem aus dem islamischen Raum ablehnen und die sozialistische wie die konservative Elite für die Krise des Landes verantwortlich machen.

Die Anhänger des Front National zeichnen sich aber auch dadurch aus, dass sie schon jetzt zu mehr als 80 Prozent sicher sind, Le Pen zu wählen, der höchste Wert aller Kandidaten. Wegen dieser Wählertreue gilt Marine Le Pen als möglicherweise unterschätzt, aber auf keinen Fall überschätzt. Sie könnte also bei der Wahl mehr Stimmen bekommen als vorhergesagt. Und: Sie hat vor allem junge und Erstwähler auf ihrer Seite, jeder dritte von ihnen möchte für Le Pen stimmen. Viele junge Erwachsene sind offenbar schon vor ihrer ersten Wahl enttäuscht von den etablierten Parteien. "Sie hat seit Jahren eine große Dynamik auf ihrer Seite", sagt Rivière. 

Die zweite Unbekannte ist Macron, der  junge politische Aufsteiger, mit dem die Demoskopen noch keine Erfahrungen sammeln konnten. Der frühere Wirtschaftsminister ist parteilos, will mit dem traditionellen System aus Sozialisten und konservativen Republikanern brechen und von links und rechts Wähler anziehen. Eine absolute Neuerung für Frankreich. Auch deshalb sagt die Hälfte seiner aktuellen Anhänger, sie sei noch unsicher, ob sie tatsächlich für ihn stimmen wird. Der Höhenflug in den Umfragen könnte sich bei der echten Wahl nicht so stark wie erwartet niederschlagen.