Manchmal entscheiden Toiletten über Wahlen. "Das öffentliche WC war furchtbar vergammelt", sagt Claude Correard. Graffiti, Bierdosen, Abfall. "Eine Schande." Der Mittsiebziger ist Präsident eines Bouleclubs im südfranzösischen Fréjus und harkt jeden Morgen einen Schotterplatz, damit die Kugeln seiner Kollegen besser rollen. Der Rentner mit der Baseballkappe zeigt auf die silbernen Dixi-Klos am Strand, direkt neben seinem Platz. "Die hat uns der Bürgermeister geschenkt. Er weiß, dass wir Alten häufiger mal müssen", sagt Correard. Auch deshalb wird er bei den französischen Präsidentschaftswahlen Ende April wahrscheinlich den Front National wählen. "Wir brauchen wieder mehr Respekt", sagt er.

Der Bürgermeister, der ihm und seinen hundert Boulekollegen die Toiletten vermacht hat, ist David Rachline, mit 29 Jahren einer der jüngsten Bürgermeister in Frankreich und der wichtigste für die rechtsextreme Front National. So wichtig, dass Parteichefin Marine Le Pen ihn zu ihrem Sprecher im Wahlkampf ernannte. Hier will die Partei beweisen, dass sie regieren und zugleich gegen das "System" wettern kann. Rachline, ein Mann mit wenigen Haaren und gespanntem Hemd, beherrscht dieses Spiel. Als erste Amtshandlung ließ er die Europaflagge am Rathaus abnehmen, heute steht diese Aktion als Punkt 93 in Marine Le Pens Wahlprogramm: "Die Trikolore an allen öffentlichen Gebäuden hissen und die Europafahne streichen."

Der junge Rachline soll den FN an der Macht zeigen, obwohl Fréjus eigentlich eine unbedeutende Stadt am Mittelmeer ist, die vor allem Urlauber kennen. Nur knapp 60.000 Menschen leben in der Stadt, während der Sommermonate sind es viermal so viele. Für den FN ist es dennoch die größte Stadt in ihrer Hand. Seit den Kommunalwahlen vor drei Jahren regiert die Partei in zwölf Städten Frankreichs, die meisten davon liegen im Süden und in ärmeren Industrieregionen des Nordens.

Rachlines Worte sind radikal, seine Politik ist konventionell

"Rachline steht für unsere Erfolge", sagte Marine Le Pen bei seiner Ernennung zu ihrem Sprecher. Tatsächlich könnte die rechtsextreme Partei zum ersten Mal die Präsidentin stellen. Dafür sorgt auch der wortgewandte Rachline. Ständig steht er jetzt in der heißen Wahlkampfphase vor einem Mikro – in seiner Stadt Fréjus hingegen hat er einen Kleinkrieg mit der Presse angezettelt. Journalisten werden von Konferenzen ausgeschlossen, kritische Zeitungen von der städtischen Bibliothek abbestellt und eine Fernsehreporterin beschuldigt, die Stadt "zu beschmutzen", weil sie während einer Gemeindesitzung eine Frage zur "Surf Academy" gestellt hatte.

Die Surf-Academy war ein Lieblingsprojekt von Rachline. Künstliche Wellenmaschinen und eine Solariumbar in einem Naturschutzgebiet sollten Sportler in die Stadt ziehen. Allerdings verbot die Präfektur den Spaßbau – der FN-Bürgermeister hatte der Gesellschaft eines als rechtsradikal bekannten Kumpels den Zuschlag gegeben, obwohl es die Firma offiziell noch nicht gab.

Sein Projekt ist ungewollt geplatzt, aber den Konflikt mit der Presse hat Rachline bewusst gesucht. Er braucht Symbole dafür, wie neu und anders er ist, er braucht ab und zu einen öffentlichen Streit, um als Antipartei weiter zu existieren. Dabei sind seine Ausfälle häufig ausländerfeindlich, etwa, wenn er behauptet, Migranten würden Studierenden und Rentnern die Wohnungen wegnehmen. Mit Rachlines Aufstieg sagt diese Dinge nun ein Bürgermeister und nicht mehr nur eine Handvoll nationalistischer Aktivisten wie vor den Wahlen.

Wer nicht spurt, bekommt kein Geld

Rachlines Politik ist häufig konventionell. Er will die Schulden abbauen, ohne Steuern zu erhöhen, er hat mehr Gendarme eingestellt und Tanztees für Senioren eingeführt, er unterstützt patriotische Vereine für Kriegsveteranen oder nationale Andenken. Weil Fréjus hoch verschuldet ist, bleibt ihm kaum Geld für neue Bauten oder Projekte. Deswegen macht er das, was die meisten konservativen Bürgermeister an der südfranzösischen Küste tun: Er verkauft das kommunale Land für viel Geld an Bauunternehmer.

Der älteste Verein der Stadt, das "Komitee zum Schutz der Strände Fréjus", kämpft gegen die "Betonierwut" von Rachline. Wenige Tage nachdem das Komitee gegen den Bau eines Fünfsternehotels in einem grünen Gebiet nahe dem Hafen klagte, beschloss Rachlines Rathaus, das Vereinshaus abzureißen und an dessen Stelle Wohnungen zu bauen. Für den Präsidenten des Komitees, Jean-Paul Radigois, ist Rachline ein Propagandist. "Er setzt in allen möglichen Gruppen der verschiedenen Stadtviertel seine Leute ein. Vereinen, die er für seine Gegner hält, hat er das Geld entzogen." Als Segler liebt Radigois die Stadt am Meer, in die er vor fünf Jahren mit seiner Frau zog. Nun ist ihm die beschauliche Rentnerzeit verhagelt: Sein Komitee mit seiner 90 Jahre langen Geschichte wird in den kommunalen Gratisblättern beschimpft. Der Front National habe das Klima vergiftet, sagt Radigois. "Rachline hat keine Grenzen."

Jeder zweite Franzose ist noch nicht sicher

Die Grenzen einzureißen – dabei haben Rachline seine ausländerfeindlichen Sprüche ebenso geholfen wie die anderen Parteien. In Fréjus spielte sich vor den Kommunalwahlen 2014 dasselbe Drama ab wie zurzeit in Paris – die Konservativen stolpern über Vetternwirtschaft und zerfleischen sich. So wie der republikanische Präsidentschaftskandidat François Fillon über eine mögliche Scheinbeschäftigung seiner Frau Wähler verliert, machte der ehemalige konservative Bürgermeister in Fréjus mit alkoholisierten Ausfällen und kleinen Skandalen Schlagzeilen. Seine Partei, die seit Jahrzehnten an der Macht war, spaltete sich in drei Gruppen auf und verlor eine Wahl, die sie eigentlich so gut wie gewonnen glaubte. Lachender Dritter waren Rachline und sein Front National.

Auch Marine Le Pen könnte in wenigen Wochen frohlocken. Jeder zweite Franzose ist noch nicht sicher, wen er wählen wird, augenblicklich sieht es so aus, als käme der FN mindestens in den zweiten Wahlgang. Auch Veronique Moissonet weiß noch nicht, wen sie im April wählen wird, vielleicht wird sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen leeren Stimmzettel abgeben. "Seit meinem zwanzigsten Lebensjahr stehe ich um fünf Uhr morgens auf und fahre zur Arbeit", sagt die Buchhalterin an einem Märzmorgen. Aber die meisten Politiker hätten nicht einmal in ihrem Leben normal gearbeitet. Auch Rachline hat noch nie außerhalb der Politik gearbeitet, das ist der Frau mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt bewusst. Die 55-Jährige wünscht sich Schüler, die wieder besser schreiben und lesen können, dass nicht alle möglichen Künstler gefördert würden – selbst so bekannte wie Gerard Depardieu – und dass die großen Konzerne nicht über alles bestimmen. "Frankreich geht es schlecht", sagt sie, Fréjus sei nur ein Mosaikstein in der riesigen Baustelle des Landes.

Politische Gesinnung im Alltag

Der Front National weiß den Frust zu nutzen. Rachline baut in seiner Kleinstadt neue Feindbilder auf: In seinen Gemeindesitzungen hat er die Presseplätze abgebaut und behauptet, die Journalisten seien sich ja nur zu fein, um wie das Volk auf den Tribünen Platz zu nehmen. Die Opposition wird ausgepfiffen, seine Mitstreiter übertönen ihre Einwände mit einer stehend geschmetterten Nationalhymne. Die erst vor wenigen Jahren eröffnete Moschee will er schließen lassen. Eine Abgeordnete der konservativen Republikaner beschied er, sie solle sich lieber "um ihren eigenen Hintern kümmern" – die Politikerin Françoise Cauwel zeigte ihn daraufhin wegen Sexismus an. Rachline sagte heute, er könne sich nicht an den Satz erinnern, aber selbst wenn er ihn gesagt haben sollte, sei daran ja nichts Schlimmes.

Fréjus mag auf den ersten Blick so aussehen wie vor Rachlines Wahl: ein im Winter verschlafener Ort mit pastellfarbenen Häusern, langgezogenen Stränden und Einkaufszentren auf der Ausfallstraße. Aber die politische Gesinnung ist plötzlich auch im Alltag wichtig geworden. Einige Passanten berichten, sie würden nicht mehr einkaufen gehen bei Geschäften, deren Besitzer der FN nahe stünden. Andere kauften extra dort ein, um den "neuen Schwung" in der Stadt zu unterstützen.

Und für einige Bürger hat sich alles verändert, nicht nur die Shoppingtour und nicht nur die öffentlichen Toiletten: Tarik Belkhodja muss um seine Arbeit und seine Kinder fürchten. Belkhodja leitet den Verein Asti, der Flüchtlinge bei den Behörden unterstützt und ihenen hilft, Französisch zu lernen. Rachline strich dem Verein das Geld, weil er "keinen Cent für Migranten ausgeben will". Heute überlebt Asti mit Subventionen aus Paris. Und dann musste der rundliche Mann mit den algerischen Eltern um seine beiden Söhne fürchten. Er spricht Arabisch mit ihnen, die Mutter Französisch. Ein großes Plus für ihre Zukunft, so dachte der 44-Jährige. Dann hörte Belkhodja Rachlines Schulbeauftragte sagen, ein Kind, das Arabisch lerne, sei ein potenzieller Terrorist. Nun überlegt er doch, ob er die Stadt, in der er seit fast 25 Jahren wohnt, nach den Präsidentschaftswahlen verlassen muss. Schließlich kann der Front National nach Umfragen darauf hoffen, in Fréjus von jedem zweiten Bürger gewählt zu werden. Rachlines Rezept aus Folklore und Ausgrenzung scheint hier aufzugehen.