Eine Berufsgruppe wird nach den französischen Präsidentschaftswahlen mit Sicherheit größer: die der Polizisten. Der Gendarm im Dorf, der Polizist in der Stadt und die Anti-Terrorgruppe Sentinelle – alle werden von den französischen Präsidentschaftskandidaten umschmeichelt. Und je rechter der Kandidat, desto bedingungsloser die Zuwendung. Und desto mehr Stellen sollen geschaffen werden.

Die rechtsextreme Marine Le Pen beispielsweise möchte 15.000 neue Polizisten einstellen und alle Beamten mit Waffen ausstatten. Le Pens öffentliche Lobreden zahlen sich aus: Nach verschiedenen Umfragen wollen zwischen 45 und 55 Prozent der Polizisten und Soldaten Ende April den Front National wählen. Damit wählen sie doppelt so häufig rechtsextrem wie der Rest der Bevölkerung.

Zwei Gründe gibt es für das Umschmeicheln der Polizisten in Frankreich: Der Front National schürt in seinen Reden die Angst vor einem unsicheren Land. Die Republikaner folgen ihnen und fordern härtere Strafen, mehr Kontrollen, mehr Polizisten. Zweitens hat sich in Frankreichs Vorstädten, diesen seelenlosen Hochhausvierteln weit weg von den attraktiven Zentren in Paris, Lyon oder Marseille, tatsächlich ein Katz-und Maus-Spiel zwischen Polizisten und Bewohnern entwickelt, das als angsteinflößendes Phänomen immer mal wieder in den Nachrichten auftaucht. Mal als brennende Autos, als Verfolgungsjagd zwischen Gendarmen und Kleinkriminellen, als Zonen ohne Recht, in die sich die Polizei in der Dunkelheit angeblich nicht mehr hineintraut.

Tatsächlich haben diese Geschichten des Vorabendprogramms aber einen wahren Kern: Die Vorstädte sind abgehängt und unsicher, die Aggression zwischen Einwohnern und Polizisten eskaliert. Das hat einmal mehr die Affäre um den mit einem Schlagstock malträtierten Théo zutage gebracht. Ein Beamter soll dem 22-Jährigen bei einer Routineüberprüfung die Hosen runter gezogen und ihm anschließend den Schlagstock gewaltsam in den After geschoben haben. Eine Videokamera filmte den Vorfall. So sagte der Linke Jean-Luc Mélénchon kürzlich bei einer Fensehdebatte unwidersprochen: "Heute hat ein Teil der Bevölkerung Angst vor der Polizei, das ist nicht hinnehmbar."

Die Affäre um den jungen Mann spiegelt die Eskalation zwischen jungen Männern in den Vororten und den Polizisten: Die einen rennen weg, sobald sie einen Uniformierten sehen, mitunter werfen sie Steine auf Streifenfahrzeuge und beschimpfen die Beamten wüst; die anderen kontrollieren  die Jugendlichen häufig ohne Anlass und werden dafür kritisiert, sie gewaltsam und erniedrigend zu behandeln.

Südfrankreich - Machtzentrum des Front National An der französischen Südküste ist die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen auf Stimmenfang. Bei den letzten Regionalwahlen ist der Front National hier stärkste Kraft geworden. © Foto: Vincent Kessler/Reuters

Über die Vorstädte wird vor allem geredet

Der sozialistische Kandidat Benoit Hamon will deshalb Polizisten in den "sensiblen Zonen", wie die Vorstädte genannt werden, mit Helmkameras ausstatten, die jede Identitätskontrolle und jede Begegnung filmen sollen. solche Kameras wurden schon in Marseille erprobt und haben dort offenbar das Verhältnis entspannt: Polizisten sollen weniger aggressiv aufgetreten sein und auch die kontrollierten Personen sollen friedlicher reagiert haben. Eine Neuerung, die für den Alltag in den Vorstädten wichtig ist: Dort werden jugendliche Männer laut Studien 20 Mal häufiger kontrolliert als durchschnittliche Franzosen.

Über die Vorstädte wird im Wahlkampf viel geredet – auch wenn dort nur die wenigsten wählen gehen. Vielmehr sind die tristen Hochhaustürme am Stadtrand ein beliebtes Spielfeld der Kandidaten, um sich als besonders autoritär und durchgreifend zu präsentieren. Der konservative Ex-Präsident Nicolas Sarkozy hatte einst damit geprahlt, mit dem "Hochdruckreiniger" Ordnung zu schaffen. Ein einprägsames Bild, das bei seinen Wählern gut ankam.

Wie immer geht die Parteichefin des Front National noch einen Schritt weiter: Sie hat sich hinter die Polizisten gestellt, die in der "Affäre Theo" belastet wurden: Als François Hollande den verletzten Théo am Krankenhausbett besuchte, ließ sich Marine Le Pen gleichzeitig in einem Kommissariat bei Paris ablichten, wo Polizisten von Demonstranten verletzt wurden. Ihr Kampagnenleiter twitterte, Le Pen sei bei den Beschützern der Nation, während Hollande "das Gesocks" besuche. Der Tweet wurde später gelöscht, aber die Botschaft ist klar: Le Pen stehe bedingungslos hinter den staatlichen Sicherheitskräften, selbst wenn sie in Flagranti bei einer Gewalttat erwischt werden. Darin ähnelt sie ihrem deutschen Pendant, der AfD, die routinemäßig mehr Polizisten fordert und somit einige Beamte von sich überzeugt.

Dabei geben die offiziellen Statistiken des französischen Innenministeriums keinen Anlass zu der polizeilichen Aufrüstung: Die Zahl der bewaffneten Raubüberfälle, Diebstähle und Autodiebstähle ging in den vergangenen Jahren zurück, die Zahl der Wohnungseinbrüche liegt ungefähr auf demselben Niveau wie 2013. Vor allem die von Polizisten auf der Straße nicht zu verhindernden Verbrechen haben zugenommen, etwa die Cyberkriminalität, bei der persönliche Daten erbeutet werden, oder die verbale Verherrlichung von Attentaten. Diese nüchternen Zahlen aber fehlen im Wahlkampf.