Ein weißer Sandstrand streckt sich über mehrere Kilometer, Wellen rauschen, Sonne scheint. Früher spielten Kinder am Strand der japanischen Stadt Namie, Fischer brachten ihren Fang nach Hause. Doch das war vor dem 11. März 2011. Nur wenige Kilometer von Namie entfernt befindet sich das havarierte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Vom Strand aus kann man die Umrisse des Kraftwerks erkennen.  

Wie viele andere Städte an der nordjapanischen Küste wurde Namie vom Erdbeben der Stärke 9 und dem folgenden Tsunami schwer getroffen. Kilometerweit Brachland, wo einst Häuser standen. Auch die unversehrten Stadtteile sind seit Jahren unbewohnt. In Gärten wuchert Unkraut, Schäden durch erneute Erdbeben werden nicht behoben, dicke Staubschichten bilden sich in den Wohnungen. Große Teile der Stadt sind aufgrund hoher Strahlenwerte als Sperrzonen ausgewiesen. Ende März 2017 aber sollen Teile der Zone wieder für dauerhaft bewohnbar erklärt werden. Ungefähr 17 Prozent der einstigen 18.500 Bewohner möchten in ihre alte Heimat zurückziehen.

Die Folgen der Nuklearkatastrophe unterscheiden sich gravierend von den Naturkatastrophen, die Japan oft heimsuchen. Es gibt keine Flutwelle, vor der man fliehen kann, keinen Starkregen oder Taifun, vor dem man sich schützen kann. Ohne Geigerzähler und Messgeräte ist die Gefahr unsichtbar. Sie ist ein abstraktes Phänomen aus Zahlen und Maßeinheiten, mit denen sich kaum ein Einwohner vor dem 11. März beschäftigt hat, abgesehen von den Arbeitern der Atomkraftwerke. Es gibt kein erprobtes Richtig oder Falsch, an das man sich halten kann. Selbst die Meinungen der Experten, die der Bevölkerung in vielen Vorträgen die Lage zu erklären versuchen, widersprechen sich häufig. 

Infografik: Der Zustand des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi

  • März 2011
  • Heute

500 m

Japan

Der Boden der Anlage ist mit Beton versiegelt, damit radioaktive Teilchen nicht einsickern oder aufgewirbelt werden.

Zur Detailansicht

Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

Neben einem neuen Bürogebäude gibt es für die mehr als 1.000 Arbeiter Unterkünfte und einen Supermarkt.

In Hunderten Tanks lagert radioaktiv belastetes Kühlwasser.

100 m

Roboter untersuchen die Schäden in den Reaktoren. Wegen der hohen Strahlung versagten zuletzt im Februar 2017 zwei der Maschinen im Block 2.

Eine Eiswand im Boden um die Reaktorblöcke soll verhindern, dass Grundwasser unter die Anlage fließt und Radioaktivität ins Meer spült.

Seit Juli 2013 ist Reaktorgebäude 4 ummantelt. Bis Dezember 2015 konnten alle Brennstäbe aus dem Abklingbecken entfernt werden.

Satellitenbild vom 12. November 2015

500 m

Japan

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Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

11. März 2011, 14.46 Uhr Ortszeit:

Ein Beben der Stärke 9 ereignete sich vor Japan. Mehrere Tsunamis, bis zu 14 Meter hohe Wellen, trafen innerhalb einer Stunde das AKW Fukushima-Daiichi.

100 m

Die Reaktorblöcke 5 und 6 wurden von dem Beben und den Tsunamis kaum beschädigt. Sie waren nicht in Betrieb.

Rund 80 Prozent der ausgetretenen Radioaktivität wehte aufs Meer.

12. März 2011, 15.36 Uhr:

Eine Wasserstoff­explosion zerfetzte die Betonhülle des überhitzten Reaktorgebäudes 1.

Aus Reaktor 2 entwich die größte Menge radioaktiver Stoffe beim Versuch, ihn zu stabilisieren.

14. März 2011, 11.01 Uhr: Entzündeter Wasserstoff sprengte das Gebäude von Reaktor 3.

15. März 2011, 6.14 Uhr:

Explosiver Wasserstoff aus Block 3 zerriss das Dach von Reaktor 4 und legte das Abklingbecken mit gelagerten Brennstäben frei.

Satellitenbild vom 17. März 2011

500 m

Japan

Der Boden der Anlage ist mit Beton versiegelt, damit radioaktive Teilchen nicht einsickern oder aufgewirbelt werden.

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Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

Neben einem neuen Bürogebäude gibt es für die mehr als 1.000 Arbeiter Unterkünfte und einen Supermarkt.

In hunderten Tanks lagert radioaktiv belastetes Kühlwasser.

100 m

Roboter untersuchen die Schäden in den Reaktoren. Wegen der hohen Strahlung versagten zuletzt im Februar 2017 zwei der Maschinen im Block 2.

Eine Eiswand im Boden um die Reaktorblöcke soll verhindern, dass Grundwasser unter die Anlage fließt und Radioaktivität ins Meer spült.

Seit Juli 2013 ist Reaktorgebäude 4 ummantelt. Bis Dezember 2015 wurden alle Brennstäbe aus dem Abklingbecken entfernt.

Satellitenbild vom 12. November 2015

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Gebäude der Reaktoren 5 und 6

Gebäude der Reaktoren 1 bis 4

11. März 2011, 14.46 Uhr Ortszeit:

Ein Beben der Stärke 9 ereignete sich vor Japan. Mehrere Tsunamis, bis zu 14 Meter hohe Wellen, trafen innerhalb einer Stunde das AKW Fukushima-Daiichi.

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Die Reaktorblöcke 5 und 6 wurden von dem Beben und den Tsunamis kaum beschädigt. Sie waren nicht in Betrieb.

Rund 80 Prozent der ausgetretenen Radioaktivität wehte aufs Meer.

12. März 2011, 15.36 Uhr:

Eine Wasserstoff­explosion zerfetzte die Betonhülle des überhitzten Reaktorgebäudes 1.

Aus Reaktor 2 entwich die größte Menge radioaktiver Stoffe beim Versuch, ihn zu stabilisieren.

14. März 2011, 11.01 Uhr: Entzündeter Wasserstoff sprengte das Gebäude von Reaktor 3.

15. März 2011, 6.14 Uhr:

Explosiver Wasserstoff aus Block 3 zerriss das Dach von Reaktor 4 und legte das Abklingbecken mit gelagerten Brennstäben frei.

Satellitenbild vom 17. März 2011

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Die japanische Regierung hat nach der Katastrophe beschlossen, die Grenzwerte für die Aufnahme radioaktiver Strahlung von jährlich 1 auf 20 Millisievert (mSv) anzuheben. In weiten Teilen Fukushimas wurden elektronische Tafeln aufgestellt, die die Strahlenwerte in der Luft anzeigen.Direkt nach dem Unfall wurden Jod-Tabletten an die Bevölkerung verteilt, um zu verhindern, dass der Körper radioaktiv strahlende Jodformen aufnimmt, die als krebserregend gelten.Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht in einer Studie aus dem Jahr 2013 davon aus, dass die schnellen Vorsorgemaßnahmen  die größten Gesundheitsrisiken für die Bewohner mit großer Wahrscheinlichkeit abwenden konnten. 

Ein Risiko, das nicht klar definiert ist

Psychologische Folgen kommen in dieser Einschätzung jedoch nicht vor. Nicht nur die äußere Strahlenbelastung ist ein Problem. Auch die Langzeitfolgen durch die Aufnahme kontaminierter Lebensmittel stellen ein Risiko dar, das nicht klar definiert ist. Nahrungsmittel, die 100 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg) überschreiten, dürfen in Japan nicht verkauft werden. Für die EU betrug der Grenzwert nach Tschernobyl 600 Bq/kg und wurde erst nach dem Unfall in Fukushima vorläufig, wie es in einem Amtsblatt der Europäischen Union von 2016 heißt, an die japanischen Grenzwerte angepasst. Sicherheit ist also relativ.

"Bis jetzt ist nie etwas aus dem Supermarkt aufgetaucht, das über den Grenzwerten lag. Das wird gut überprüft. Zudem liegen die Werte meist weit darunter", sagt Toshihisa Kamitani, Mitglied einer NGO, die die Strahlenbelastung in der Stadt Minamisoma prüft. "Deswegen verstehe ich nicht, weshalb die Regierung den Grenzwert nicht senkt. Dann würden die Leute den Lebensmitteln aus der Präfektur vielleicht wieder vertrauen."

Er bezieht sich damit auf die sogenannten schädlichen Gerüchte, die als Grund für den Rückgang der Lebensmittelkäufe aus Fukushima angeführt werden. "Manchmal bauen die Leute selbst Gemüse an oder holen Pilze aus dem Wald. Da sind die Werte oft um ein Vielfaches höher. Mit Radioaktivität ist das so eine Sache. Was ist schon sicher? Vor der Katastrophe galt eine künstliche Strahlenbelastung von jährlich 1 mSv als sicher. Danach waren es plötzlich 20 mSv."

Alles in Ordnung – außer wenn es stürmt

Das Leben mit der Radioaktivität ist zum Alltag geworden. Pinkfarbene Fahnen weisen an vielen Stellen auf Dekontaminierungsmaßnahmen hin. Arbeiter tragen die oberen Erdschichten ab und verstauen sie in Plastiksäcken, die sich  am Straßenrand oder auf einstigen Reisfeldern türmen. Kinder tragen Messgeräte an ihren Schultaschen, Hausfrauen messen das Gemüse, bevor sie es zubereiten.         

Besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreife sie nicht, sagt eine Frau aus Minamisoma. "Früher wollte ich meine Kinder so wenig wie möglich draußen spielen lassen. Aber sie wollten unbedingt hierbleiben. Wegen ihrer Freunde in der Schule. Die Werte sind jetzt niedrig, also ist das schon in Ordnung – außer wenn es stürmt. Dann hänge ich keine Wäsche mehr raus, denn der Wind trägt die Partikel aus dem Wald, und der wird nicht dekontaminiert." Zu Weggezogenen hat sie kaum noch Kontakt. Zu unterschiedlich sind die Meinungen, was die Sicherheit in der Präfektur angeht. "Aber wer weiß schon, ob es den Kindern besser ginge, wenn sie Heimat und Freunde und alles, was sie kennen, hinter sich ließen. Ob das die richtige Entscheidung war, werde ich wohl erst in 30 Jahren erfahren."