Vierzig Minuten brauchte Geert Wilders nach den ersten Prognosen für seinen ersten Tweet. Das ist gemessen an seinen normalen Reaktionszeiten eine halbe Ewigkeit. Erst weit nach Mitternacht, als letzter der niederländischen Spitzenpolitiker, trat er kurz vor die Fernsehkameras – ein lauter Mann ganz leise. Dass es dem Nationalisten und Islamfeind Wilders vorübergehend die Sprache verschlug, ist ohne Zweifel die wichtigste Nachricht dieses Wahlabends. Für Europa steckt darin eine große Hoffnung.

Der Vormarsch der Nationalisten, der mit Brexit und Trump gewiss schien, ist nicht unaufhaltsam. Der "patriotische Frühling", den Wilders ausgerufen hatte, fällt vorerst aus. Auch Marine Le Pen, Schwester im Geiste und bislang gern an Wilders' Seite, blieb am Wahlabend auffällig stumm.

Für die Niederlande selbst birgt dieser überraschende Wahltag aber viel mehr als nur einen Funken Hoffnung. Er ist eine historische Chance. Seit einem Jahrzehnt beherrscht Wilders die politische Szene; mit üblen Parolen und anti-islamischen Hetzreden hat er das Land gespalten und verhext wie kein anderer vor ihm. Nun hat sich der Teufel als Teufelchen entpuppt. Und seine Gegner haben in den kommenden Jahren die Gelegenheit, den politischen Dämon ein für allemal auszutreiben.

Denn Wilders hat verloren, auch wenn seine Partei, die PVV, im Vergleich zur letzten Parlamentswahl ein paar Stimmen hinzu gewonnen hat. Mit etwa 13 Prozent der Wählerstimmen blieb Wilders nicht nur weit hinter den eigenen Erwartungen zurück, sondern auch deutlich entfernt von seinem bisher besten Ergebnis 2010. Trotz Trump und Flüchtlingskrise, vermeintlich günstigen Umständen also.

Weniger eindeutig als Wilders' Niederlage ist die Frage, warum er verloren hat. Welche Strategien also im Kampf gegen die Verführer und Vereinfacher erfolgreich ist. Der liberalkonservative Rutte, trotz Verlusten unangefochten auf Platz 1, war im Wahlkampf weit nach rechts gerückt. Dafür stand weniger die jüngste Auseinandersetzung mit der Türkei als vielmehr ein offener Brief, in dem Rutte Migranten ziemlich unverhohlen gedroht hatte, sie sollten sich "benehmen oder gehen". Auch die Christdemokraten, die ein kleines Comeback feierten, bemühten sich, dem Nationalisten Wilders mit nationalistischen Tönen zu begegnen. Offenbar mit Erfolg.

Kein allgemeiner Rechtsruck

Trotzdem lässt sich aus dem Wahlergebnis kein allgemeiner Rechtsruck ableiten. Zu den Gewinnern des Abends zählen auch die Grünen, in den Niederlanden heißen sie GroenLinks, und die sozialliberale D'66. Beide Parteien haben mit entschieden proeuropäischen und antinationalistischen Positionen gepunktet. Insgesamt halten sich die Gewinne und Verluste von eher linken und eher rechten Parteien die Waage.

Gleichwohl hält der niederländische Wahlkampf eine Lehre für die Auseinandersetzung mit Populisten wie Wilders bereit. So unterschiedlich ihre Positionen im Einzelnen sind, gemeinsam war den ziemlich linken Grünen und den ziemlich konservativen Liberalen die Entschiedenheit, mit der sie Wilders begegnet sind. Rutte hatte jede Zusammenarbeit mit Wilders kategorisch ausgeschlossen. Je unverhohlener Wilders gegen Zuwanderer Stimmung machte, desto lauter warben D'66 und GroenLinks für eine offene und tolerante Gesellschaft. Künftig könnten es sich alle Parteien erlauben, Wilders einfach mal – zu ignorieren.