Die britische Premierministerin Theresa May hat im Parlament den Kurs ihrer Regierung in den Austrittsverhandlungen mit der EU dargelegt. Großbritannien werde der Europäischen Union ein guter Nachbar sein, sagte sie. Sie strebe eine "tiefe Partnerschaft" mit der EU an. Wenige Minuten zuvor hatte der britische Botschafter bei der EU in Brüssel das Austrittsgesuch an Ratspräsident Donald Tusk übergeben.  

Sie gehe davon aus, dass die Austrittsverhandlungen in den vorgesehenen zwei Jahren abschlossen werden könnten, sagte May. Danach solle es eine Umsetzungsphase geben, um ein neues Abkommen zu verwirklichen. 

Als May sagte, die Welt benötige die Werte der Europäischen Union mehr als je zuvor, wurde ihre Stimme von Gelächter der Abgeordneten überlagert. Sie fügte an, dies seien Werte, die Großbritannien teile.

Die Rede hatte sehr turbulent begonnen. Mehrfach wurde May von Zwischenrufern unterbrochen. "Wir werden als ein Großbritannien verhandeln", sagte May. Man werde aber die Spezifik der einzelnen Regionen berücksichtigen. Andere Teile Großbritanniens, etwa Schottland, sollten erweiterte Rechte erhalten. Schottland hatte am Dienstag im Parlament für eine Abstimmung über einen Verbleib in der EU votiert. Dies müsste aber die Zentralregierung in London billigen.

Zur Zukunft ihres Landes nach dem Brexit sagte May: "Unsere besten Tage liegen vor uns." Schnellstmöglich solle auch der Status der EU-Bürger in Großbritannien geklärt werden, sagte die Premierministerin. Sie wolle den freien Handel fördern. Dazu sei ein Abkommen geplant. Sie respektiere aber die Position der EU, dass Großbritannien mit dem Austritt nicht Teil des Binnenmarktes bleiben könne.

Der britische Gesandte bei der Europäischen Union, Tim Barrow, hatte EU-Ratspräsident Tusk zuvor ein von May unterzeichnetes Schreiben (PDF) überreicht – die lang erwartete offizielle Mitteilung des Austritts des Vereinigten Königreiches aus der EU. Mit der Übergabe können die Verhandlungen über den Austritt der Briten beginnen. "Wir vermissen euch jetzt schon. Danke und auf Wiedersehen", sagte Tusk, nachdem er das Gesuch entgegengenommen hatte.

Großbritannien ist seit 44 Jahren Mitglied des Bündnisses. Einen Austritt gab es noch nie – Anfang der 80er Jahre trat Grönland aus der der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft aus, dem Vorläufer der EU. Die Briten hatten sich im Juni 2016 in einer Volksabstimmung für den Austritt entschieden. Geregelt ist er in Artikel 50 des Lissabon-Vertrages. Die Regierung in London und die übrigen 27 EU-Staaten haben zwei Jahre Zeit, um die Bedingungen des Austritts auszuhandeln. May strebt einen harten Schnitt mit der EU an. Sie will auf den Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt verzichten. Unklar ist jedoch, was das für den Finanzplatz London bedeutet.

Industrie verlangt Schadensbegrenzung

Die EU-Ratspräsidentschaft teilte mit, man bedaure den Austritt, akzeptiere die Entscheidung jedoch. Nun müssten die Leitlinien für die Verhandlungen festgelegt werden. Die EU werde in den Gesprächen als Einheit auftreten und die Risiken für die Gemeinschaft minimieren. "Die Bundesregierung ist auf diesen Prozess gut vorbereitet und wird sich bei allen aufkommenden Fragen positionieren können", sagte eine Regierungssprecherin. Großbritannien bleibe ein wichtiger Partner, unter anderem in der Nato.

"Wir sollten alles tun, um auch in Zukunft gute und freundschaftliche Beziehungen mit London zu pflegen", sagte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Beide Seiten brauchten einander. Die deutsche Industrie verlangt dagegen Schadensbegrenzung und warnt vor der Gefahr einer "lang anhaltenden Zerrüttung".

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