Mit den Angriffen auf Tabka und Umgebung hat Ende März die Offensive auf Rakka begonnen, die Kommandozentrale des "Islamischen Staats" (IS) in Syrien. Die Stadt Tabka liegt am Euphrat rund 40 Kilometer flussaufwärts im Kerngebiet des IS. Für die Dschihadisten und ihre Gegner ist sie von herausragender strategischer Bedeutung. Den Militärflughafen dort hatte die US-geführte Anti-IS-Koalition bereits nach zwei Tagen eingenommen. Entscheidend ist die Rückeroberung des Euphrat-Damms vor den Toren der Stadt – und ebenso gefährlich.

Die größte Talsperre des Landes liefert den Großteil der syrischen Stromversorgung und sichert die Wasserversorgung für bis zu fünf Millionen Menschen. Seit 2014 kontrolliert der IS die Anlage, die er seither immer wieder für seine politischen und militärischen Ziele eingesetzt hat, indem er die Versorgung manipulierte. So wurden die Wassermassen hinter der Staumauer zur Waffe, zumindest zur wuchtigen Drohkulisse. Insbesondere wenn der Damm zerstört würde, droht flussabwärts eine Katastrophe. Das weiß der IS.

Auch weil der Damm deshalb nicht ohne Weiteres bombardiert werden kann, hat er einen besonderen Stellenwert für die Dschihadisten: Bis zu 400 Kämpfer haben sie dort stationiert, in der Anlage sollen zudem wichtige Kriegsgefangene und Geiseln festgehalten werden. Auch die Wasser- und Stromversorgung der IS-Zentrale in Rakka hängt an der Talsperre.

Aufseiten der Anti-IS-Koalition liefern sich kurdische YPG-Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mit dem IS seit einer Woche heftige Gefechte um den Damm. Neben der Luftunterstützung haben die USA auch Militärberater am Boden im Einsatz. Trotz hohen Aufwands gestaltet sich die Einnahme der Talsperre jedoch schwierig. Gleichzeitig steigt mit den andauernden Gefechten die Gefahr, dass der Damm in Mitleidenschaft gezogen wird. Während die Anti-IS-Koalition Gebiete und Teile der Anlage auf der Nordseite des Euphrats beziehungsweise des Assad-Stausees hinter der Staumauer kontrolliert, hält der IS Areale, operative Einrichtungen und das Kraftwerk der Dammanlage auf der Südseite. Damit verläuft die Frontlinie faktisch direkt über der Talsperre.

Anfang vergangener Woche wurde der Damm bereits ernsthaft beschädigt und musste den Betrieb einstellen. Aufgrund zerstörter Steuerungseinrichtungen wurden die Schleusen dichtgemacht und die Wasserbereitstellung sowie die Stromproduktion gestoppt. Zunächst veröffentlichte der IS Bilder über seine Presse- und Propagandakanäle, die Schäden an der Anlage zeigen. In einer Erklärung machte er gezielte Luftschläge der Anti-IS-Koalition dafür verantwortlich. Die Miliz warnte die Bevölkerung vor einem unmittelbar bevorstehenden Dammbruch. Sie soll auch begonnen haben, politisches und militärisches Führungspersonal flussabwärts aus dem Euphrat-Tal abzuziehen.

Die Anti-IS-Koalition wies die Vorwürfe zurück und gab an, die Struktur der Staumauer sei nicht stärker beschädigt. Die Auswertung der Bilder stützte die These, dass die Zerstörungen nicht durch Raketen verursacht wurden; allerdings räumte die Koalition ein, dass ein Kontrollraum ausgebrannt sei und dort installierte Steuerungseinrichtungen nicht mehr bedient werden könnten. Ein Ingenieur vor Ort hat diese Einschätzungen später weitgehend bestätigt.