Karl McCartney hat gewonnen. Er gehörte zu denen, die den Brexit schon immer wollten. Sein Tories-Flügel hat sich am Ende durchgesetzt. Sie haben von den Hinterbänken so lange gegen ihre Regierung rebelliert, bis die klein beigab. Leute wie McCartney haben durchgedrückt, dass Großbritannien der EU den Rücken kehrt. 

Weiß er, was jetzt aus dem Land werden soll? Er ist der Erste von vielen Brexiteers und Remainern, die ich für unsere neue Serie "How to Brexit" fragen werde, in welche Zukunft das Königreich gestern aufgebrochen ist, als Premierministerin May ihren Abschiedsbrief nach Brüssel schickte.

Der Mann hat das Talent geborener Politiker, sofort sympathisch zu sein. Ein rundes, jungenhaftes Gesicht. Müde an diesem Sonntagmorgen im noch verlassenen Owen & Green Clubhouse des Lincoln Rugby Clubs, das er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. In der Nacht hat er kaum geschlafen, seine kleinen Söhne waren krank. Aber die blaugrauen Augen leuchten. Schon nach wenigen Sätzen lacht er. Jenseits der Clubhaus-Fenster liegt das Rugby-Spielfeld unter einem stürmisch bewölkten Himmel. Dort wird McCartney nach unserem Gespräch mit Kindern trainieren. Ein Profipolitiker, ein Familienmann, eine Stütze der Gemeinschaft.

In seinem Wahlkreis in der ostmittelenglischen Stadt Lincoln waren 56,9 Prozent für den Austritt. Brexitland. In den umliegenden Dörfern und Kleinstädten, im sich flach bis zur ostenglischen Küste erstreckenden Agrarland, das Kohl, Möhren und Erdbeeren für das ganze Königreich produziert, mögen sie die EU noch weniger.

Lincolnshire gehört zu den EU-feindlichsten Grafschaften des Landes. In den Wahlkreisen Boston, South Holland und East Lindsey haben jeweils mehr als 70 Prozent der Wähler gegen die EU gestimmt. "Ich habe in der ganzen Region für den Austritt geworben und hatte tollen Zuspruch", sagt McCartney.

Jetzt, findet er, sollten alle nach vorne schauen: "Es gibt phänomenale Chancen." Als erstes fällt ihm ausgerechnet die Universität ein. Lincolns Uni wächst. Bald 15.000 Studenten, kürzlich habe Siemens eine neue Ingenieursschule in Partnerschaft mit der Uni eröffnet, junge Unternehmer siedelten sich in diesem Umfeld an.

Karl McCartney im März 2017 in Sheffield: Bei der Veranstaltung ging es um die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen von Golf auf Großbritannien. © Andrew Redington/R&A/R&A via Getty Images

Aber gerade die Universitäten machen sich wegen des Brexits besonders große Sorgen. Sie fürchten, dass sich Forscher und Studenten aus EU-Ländern abwenden, dass EU-Forschungsgeld verloren geht. McCartney hat eine überraschende Antwort: "Unglücklicherweise haben viele Leute an den Unis einen bestimmten politischen Standpunkt. Ziemlich weit links im politischen Spektrum, wenn ich das jetzt mal mit mir vergleiche. Ich bin ziemlich in der Mitte von liberal-konservativ." Wenn die Unileute vor den schlimmen Folgen des Brexits warnten, dann sei das nur eine Ausrede dafür, dass sie selbst nicht zurechtkämen.

Der Glaube an eine strahlende Zukunft

Die siegreichen Konservativen dagegen demonstrieren ihren Glauben an eine strahlende Zukunft jenseits der EU, als sei er ein Beweis von Charakterstärke. McCartney wird nicht müde zu betonen, wie optimistisch er sei. "Es gibt zu viele Nein-Sager", sagt der Abgeordnete tadelnd und meint damit alle, die an den phänomenalen Chancen des Brexits zweifeln. McCartney sitzt im Parlamentsausschuss für den Austritt aus der Europäischen Union, kurz Brexit-Ausschuss. Dort erlebe er unter den Zeugen, die vor dem Ausschuss aussagen, dauernd diese Nein-Sager. "Ich höre ihnen eine Zeit lang zu und sage dann: Bevor Sie weiterreden, könnten Sie vielleicht das Glas Wasser, das da vor Ihnen steht, als halb voll betrachten – und nicht als halb leer?"

Sprechen wir also von den positiven Aussichten. Welche Unternehmer in seinem Wahlkreis haben ihm denn gesagt: Karl, hast du toll gemacht, ohne die EU wird es uns besser gehen?

60 Milliarden Euro schuldet Großbritannien der EU

Jedes EU-Mitglied geht für Jahre im Voraus Zahlungsverpflichtungen mit der Union ein. Wenn Großbritannien die EU verlässt, muss geklärt werden, was mit seinen Verpflichtungen passiert. Es geht unter anderem um Pensionen für EU-Beamte, zugesagte Beiträge für Förderprogramme und die Haftung für gemeinsame Schulden.

Ein Beispiel: Die strukturarme Region Nordengland kann nicht erwarten, dass die EU immer noch Geld überweist, Großbritannien aber nichts mehr in den EU-Topf einzahlt. So sieht man es zumindest in Brüssel. Die Experten der EU kommen auf 60 Milliarden Euro, die Großbritannien der EU nach einem Austritt noch schuldet. Der britische Außenminister Boris Johnson hat Widerstand gegen die EU-Forderung angekündigt: Er will die Summe nicht begleichen.

17.105 EU-Verordnungen müssen in britisches Recht umgewandelt werden

Der Handel innerhalb der EU wird unter anderem durch Verordnungen geregelt. Das Dilemma für die Briten: Der größte Teil dieser Rechtsvorschriften, nämlich genau 17.105 EU-Verordnungen, hat nach dem Brexit in Großbritannien keine Gültigkeit mehr. Großbritannien muss sie überprüfen und durch nationales Recht ersetzen.

Das britische Parlament arbeitet dafür zu langsam, denn es verabschiedet im Jahr normalerweise nur 60 bis 100 Gesetze. Also muss die britische Regierung die neuen Verordnungen im Schnellverfahren erlassen. Kein leichtes Unterfangen: London bringt es derzeit im Jahr auf durchschnittlich 2.000 Verordnungen. Selbst wenn künftig doppelt so viele umgesetzt werden sollten, wird der Prozess viele Jahre dauern.

43 Freihandelsabkommen müssen neu verhandelt werden

Die EU hat insgesamt 43 Freihandelsabkommen abgeschlossen. Wollen die Briten die Vorteile behalten, die daraus resultieren, und wählen sie einen harten Brexit – verlassen also auch den Binnenmarkt und die Zollunion – müssen sie alle 43 neu aushandeln. Nur so können die Briten sicherstellen, dass sie weltweit zumindest die gleichen Vorteile genießen wie als EU-Mitglied. Die Union hat mit nahezu allen europäischen Ländern außerhalb der EU, fast allen Mittelmeerstaaten und wichtigen Handelspartnern wie Südkorea und Mexiko umfangreiche Verträge geschlossen. Ein Abkommen mit Kanada wird gerade rechtskräftig.

All das hat Jahre gedauert. Deshalb will der britische Handelsminister Liam Fox am liebsten die EU-Abkommen übernehmen und lediglich die Referenz zur EU streichen. Klappt das nicht, fällt Großbritannien auf die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zurück. Das bedeutet, kurz gesagt, dass der Handel zwischen Großbritannien und der EU sowie der Handel Großbritanniens mit den anderen Staaten mit Zöllen belegt wird. Eine Sonderbehandlung einzelner Staaten ist nicht erlaubt.

13.608 Sorten Brot, Kekse und Süßigkeiten könnten bezollt werden

Kann sich Großbritannien mit der Europäischen Union nicht auf ein neues Freihandelsabkommen einigen, gelten die Regeln der Welthandelsorganisation. Die Folge: Für jede einzelne Produktkategorie müssten Zölle erhoben werden. Ein Beispiel: Allein für Brot, Kekse und Süßigkeiten gibt es nach Angaben des britischen Industrieverbandes CBI 13.608 unterschiedliche Kategorien. Jedes Produkt muss eingestuft und mit entsprechendem Zoll belegt werden. Auf Schokolade wird ein Zoll von 38 Prozent erhoben, auf Lachs 13 Prozent, auf die Bremsen in der Automobilbranche vier Prozent. Whisky wäre dagegen zollfrei.

31.000 EU-Wissenschaftler fürchten um ihren Job

Noch ist nicht geregelt, welche Rechte EU-Bürger in Großbritannien haben werden. An britischen Universitäten arbeiten 31.000 Akademiker aus anderen EU-Staaten. Nach Angaben des britischen Bildungsministeriums machen EU-Bürger 23 Prozent der Akademiker in den Fächern Biologie, Mathematik und Physik aus, 14 Prozent in Medizin, 18 Prozent im Ingenieurwesen. Wer mehr als 30.000 Pfund im Jahr verdient (ungefähr 35.000 Euro), bekommt in Großbritannien als Fachkraft leicht ein Visum. Etwa 26 Prozent der EU-Akademiker verdienen aber weniger. Wer fünf Jahre im Land gelebt hat, kann eine Aufenthaltsberechtigung beantragen. Viele sind aber nicht lange genug im Land.

1.236 Pfund kostet ein britischer Pass

Wer sichergehen will, beantragt als EU-Bürger in Großbritannien möglichst rasch einen britischen Pass. Der kostet 1.236 britische Pfund und garantiert, dass man im Land leben und arbeiten kann, wann immer man will. Die Vorstufe ist die Aufenthaltsberechtigung (permanent residence). Die aber verfällt, wenn man als EU-Bürger Großbritannien mehr als zwei Jahre verlässt. In Großbritannien leben nach Angaben des Office for National Statistics 3,3 Millionen EU-Bürger, davon 297.000 Deutsche und 883.000 Polen. In der EU hingegen leben 1,2 Millionen Briten, allein in Deutschland 103.000. Großbritannien und die EU wollen den Status dieser Bürger sichern, wenn unter anderem geklärt ist, wie die Kosten für die jeweiligen Gesundheitssysteme verrechnet werden.

177.000 Lastwagen überfahren monatlich die irische Grenze

Großbritannien sagt, es wolle seine Grenzen wieder kontrollieren. Deshalb der Brexit, deshalb will Theresa May auch die Zollunion verlassen. Aber was passiert mit der grünen Grenze zur Republik Irland? Sie wird nicht mehr kontrolliert, dort ist es wie im Grenzland zwischen den Niederlanden und Deutschland. Jeden Monat fahren 177.000 Lastwagen über die nicht sichtbare Landesgrenze, 208.000 Lieferwagen und 1,85 Millionen Autos.

Noch immer hat die britische Regierung keine Vorstellung davon, wie das Problem gelöst werden soll. Einwanderer und Warenverkehr müssten eigentlich künftig zwischen Nordirland und der Republik Irland kontrolliert werden. Aber Grenzkontrollen darf Großbritannien zur Republik Irland nicht mehr aufbauen. Der 1998 geschlossene Friedensvertrag für Irland, das sogenannte Good Friday Agreement, legt fest, dass es zwischen beiden Teilen der Insel keine Grenzkontrollen mehr geben darf.

5.500 Finanzunternehmen sind auf das EU-Passporting angewiesen

Kein Finanzgeschäft in der EU ohne Passporting. Bisher erlaubt das sogenannte Passporting, dass Finanzdienstleister von London aus ihre Produkte und Dienste auf dem Kontinent anbieten können. 5.500 Unternehmen nutzen das für Geschäfte in der EU. Mit dem Brexit wäre das nicht mehr möglich. Andersherum können 8.800 EU-Firmen Finanzgeschäfte in Großbritannien nicht mehr so einfach betreiben. Theoretisch gibt es einen Ausweg: Großbritannien müsste die gleichen Vorschriften wie die EU einhalten. Das werden die Briten aber nicht wollen. Niemand in der City, dem Bankenviertel von London, weiß, ob die britische Regierung mit der Europäischen Union eine Ersatzregelung aushandeln wird. Die meisten Unternehmen warten ab, einige Finanzinstitute suchen aber schon Standorte in der EU.

1.661.191 Schotten sind ziemlich enttäuscht

Mehr als 1,6 Millionen Schotten haben dafür gestimmt, in der Europäischen Union zu bleiben. Das waren 62 Prozent der abgegebenen Stimmen in Schottland. Seit Monaten wächst der schottische Widerstand gegen den Brexit. Die Schotten profitieren von der EU, haben historisch engeren Kontakt zum Kontinent und leiden zunehmend unter der Bevormundung durch London. Sie hätten gern eine Sonderregelung, die es ermöglicht, unabhängig von Großbritannien im Europäischen Wirtschaftsraum zu bleiben. Aber das wird nicht klappen, das sagt auch die EU. Zuerst müsste Schottland mit Großbritannien die EU verlassen und dann einen Antrag zur Aufnahme in die EU stellen. Zwar hat Nicola Sturgeon eine zweite Volksabstimmung zur schottischen Unabhängigkeit in Aussicht gestellt. Aber die erlaubt die britische Regierung vorerst nicht.

Eine konkrete Antwort bleibt aus, stattdessen argumentiert McCartney mit der britischen Geschichte. In den vergangenen 30, 40 Jahren, seit dem Beitritt zur damals Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, habe sich Großbritannien viel zu sehr auf Europa verlassen. "Historisch aber, wegen der Dinge, die im 17., 18. und 19. Jahrhundert passiert sind, gehören wir zum Commonwealth. Wir haben das vernachlässigt. Aber glücklicherweise sehen uns viele dieser Commonwealth-Länder, und ich spreche nicht nur von Australien oder Neuseeland, als den Kopf der Organisation. Das sind inzwischen mehr als 50 Nationen, einige davon haben nie zum britischen Empire gehört, dreieinhalb Milliarden Menschen, ein unglaublicher Markt."