"Ich kann hier nicht atmen", sagt Abdulaziz, ein schlacksiger Somalier. Lesbos ist für ihn "wie ein Gefängis". Abdulaziz ist einer von Tausenden Flüchtlingen, die seit dem EU-Flüchtlingsdeal mit der Türkei auf der griechischen Insel festsitzen.

Seit acht Monaten lebt Abdulaziz im Aufnahmelager Moria. Dabei sieht Moria weniger aus wie ein Zufluchtsort und mehr wie ein Internierungslager: Dutzende Zäune schotten das Lager ab, jeder von scharfem Nato-Draht gekrönt. Am Eingang strenge Kontrollen, an den Ecken Wachhäuser, im Inneren umgeben weitere Stacheldrahtzäune den Trakt der Asylbehörde.

Abdulaziz weiß noch immer nicht, wie lange sein Verfahren dauern wird, und ob er es jemals zu seinem Bruder nach Deutschland schafft. "Ich halte es hier nicht aus, immer gibt es Streit, ich habe ständig Kopfschmerzen, doch wo soll ich hin? Mir fehlt sogar das Geld für den Bus nach Mytilini", sagt Abdulaziz, der nur mit Mühe laufen kann, seitdem er sich, wie er erzählt, in der Türkei auf der Flucht vor der Polizei bei einem Sprung aus dem Fenster den Fuß gebrochen hat.

Die Verfahren dauern Monate

"Die Unsicherheit, wie lange ihr Verfahren noch dauert, und was mit ihnen geschieht, bereitet den Flüchtlingen großen Stress", sagt Achilleas Tzemos von Ärzte ohne Grenzen bei einem Gespräch in einem Café in Mytilini, der Hauptstadt der Insel. Gemäß dem vor einem Jahr mit der Türkei geschlossenen Flüchtlingsabkommen müssen die Neuankömmlinge auf den griechischen Ägäis-Inseln bleiben, solange ihr Asylantrag geprüft wird. Wird ihm stattgegeben, dürfen sie weiter aufs Festland. Wird er abgelehnt, werden sie zurück in die Türkei deportiert.

Doch anders, als es sich die EU vorgenommen hatte, ziehen sich die Verfahren über Monate hin. Seit Abschluss des Flüchtlingsabkommens am 18. März wurden erst 849 Migranten in die Türkei zurückgebacht. Das ist der Grund, aus dem der Großteil der Flüchtlinge wie Abdulaziz weiterhin auf den Inseln festsitzt. Das Lager von Moria ist in dieser Situation zum Symbol für die Krise und das Versagen Europas geworden. Immer wieder geriet es durch Proteste und Unruhen in die Schlagzeilen, und im September brannte ein Großteil des Lagers bei einem gezielt gelegten Feuer ab.

Filmvorführungen im improvisierten Kino

Als dann während der kältesten Winterzeit im Januar die Zelte unter den Schneemassen zusammenbrachen und drei Flüchtlinge im Lager starben – vermutlich an Kohlenmonoxidvergiftung – war auch den griechischen Behörden klar, dass die Zustände nicht länger tragbar sind. Heute sind die meisten Zelte durch Container ersetzt, es gibt Heizungen und ausreichend Warmwasser. Männer und Frauen sind stärker getrennt, sodass es zu weniger sexuellen Übergriffen kommt.

Anders als in den ersten Wochen dürfen die Flüchtlinge mittlerweile immerhin das Lager verlassen und sich frei auf der Insel bewegen. Betten und Verpflegung gibt es für sie aber nur in Moria und einem weiteren, deutlich kleineren Lager.

Die Unsicherheit bleibt

Seitdem die Zahl der Neuankömmlinge auf Lesbos zurückgegangen ist, leben auch nur noch 2.200 statt wie einst 6.000 Flüchtlinge in Moria. Abends gibt es in einem improvisierten Kino Filmvorführungen, und am Rande der Olivenhaine um das Lager haben sich kleine Imbisse angesiedelt, unter deren Zeltplanen die Flüchtlinge auf dem Handy spielen, Musik hören, Zeit totschlagen und bei einem Tee für einen Moment der Tristesse des Containerlagers entkommen können.

"Die Lebensumstände haben sich verbessert", bestätigt auch Tzemos von Ärzte ohne Grenzen, dessen Organisation sich vor einem Jahr aus Protest gegen den EU-Flüchtlingsdeal aus Moria zurückgezogen hat und heute ein eigenes Krankenhaus am Rande von Mytilini betreibt. Die Betreuung sei besser organisiert, die Helfer untereinander besser koordiniert, doch an dem quälenden Warten, der Untätigkeit und der Perspektivlosigkeit ändere dies nichts. "Die Unsicherheit über die Zukunft bleibt", sagt Tzemos.