Am sonnigen Frühlingssonntag lud der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny die Moskauer zu einem Spaziergang ein – und mindestens 8.000 Leute kamen. Über die Schultern gehängt trugen viele von ihnen alte Turnschuhe. Für einen unbefangenen Beobachter mochte das skurril wirken, doch die Turnschuhe signalisierten Protest.  

Zuvor hatte die von Nawalny gegründete Stiftung für Korruptionsbekämpfung einen Dokumentarfilm über den russischen Ministerpräsidenten Dimitri Medwedew produziert, Titel: Nennen Sie ihn nicht Dimon. Der Film zeigt einen Medwedew, der keineswegs so harmlos und machtlos ist, wie er scheint. Den Recherchen der Stiftung zufolge besitzt er teure Häuser, Weinberge und wohl auch zwei Yachten.

Nawalny rief zum Spaziergang, um staatliche Ermittlungen gegen Medwedew zu fordern. In etwa 100 russischen Städten meldete er Proteste an – in Moskau wurde die Demonstration nicht erlaubt. Deshalb sprach der Oppositionelle dann davon, er lade die Bürger zum Flanieren ein. Die alten Schuhe sollten eine Anspielung auf die Nike-Turnschuhe sein, die Medwedew so schätzt. 

Wer nicht mit Turnschuhen kam, trug Luftballons in Form von Schuhen oder Enten. Das Tier verweist auf eine andere Recherche Nawalnys, in der er auf eine Datscha im Besitz Medwedews stieß – und daneben auf ein Häuschen für eine Ente. Andere kamen mit grün gefärbten Gesichtern – eine Anspielung auf Nawalny, der kürzlich mit grüner Farbe beworfen worden war.

Protest auch ohne Nawalny

Kritische Plakate gab es kaum. Die Demonstranten, die so mutig waren, welche zu zeigen, wurden als Erste festgenommen. Am Ende meldete die Nachrichtenagentur Interfax 1.030 Festgenommene; auch Nawalny war unter ihnen. Er wurde schon 15 Minuten nach dem Beginn der Demonstration in ein Polizeirevier gebracht. Doch der Protest ging auch ohne ihn weiter.

Und darin liegt seine Bedeutung.

Formal war das Thema der Protest gegen den korrupten Premier, doch den Teilnehmern ging es um mehr. Viele Russen sind unzufrieden. Die Regierung müsse weg, sagten sie, den Menschen fehle das Geld zum Überleben, das Land brauche einen Systemwechsel.

Etwa die Hälfte der Demonstranten war jünger als 30, viele waren Schüler und Studenten. Unter den Festgenommenen waren 46 Minderjährige. Man nennt diese Mädchen und Jungen "Generation Putin" – weil sie Russland nur unter Putin kennen. Doch gerade sie wollen ihn nicht mehr.

Die Älteren fürchten sich eher, sie haben die Umwälzungen der neunziger Jahre nicht vergessen, die viele in Armut gestürzt haben. Die Jungen aber haben diese schlechten Zeiten nicht selbst erlebt. Sie haben keine Angst.

Die Stabilität, die Putin ihnen verspricht, bedeutet ihnen nicht viel: Sie wollen nicht stabil wenig Geld verdienen, stabil Angst haben, sich stabil freuen, dass sie wenigstens nicht im Gefängnis sitzen.