Vor drei Tagen klopften die Dschihadisten an Mohammed Bilals Tür. Ob es nun nicht an der Zeit sei, für sie zu kämpfen, für den "Islamischen Staat", fragten sie. In Bilals Viertel in West-Mossul halten sich die IS-Kämpfer hartnäckig, und er wusste, sie würden bei diesem letzten Kampf um die irakische Stadt bis zum Äußersten gehen. Er werde darüber nachdenken, antwortete er. Ihm war sofort klar: Jetzt musste er fliehen.

Als die Familie in der darauffolgenden Nacht aufbrach, wurde in ihrer Straße erbittert gekämpft. Eine Bombe sei nah am Haus eingeschlagen, erzählt Bilal: "Es ist ein Wunder, dass wir es aus Mossul herausgeschafft haben."

Jetzt steht der 47-Jährige vor einem blau-weißen Zelt im Al-Khazir-Camp, umringt von den Kindern, drei Mädchen, neun Jungen. In der Dunkelheit sind sie in dem Notlager in der kurdischen Region im Nordirak angekommen, erschöpft und ausgehungert. Schon seit Wochen hätten sie sich nur von Saft und Brot ernährt, Lebensmittel seien unbezahlbar gewesen, die Vorräte schon lange aufgebraucht. Zuletzt gab es in West-Mossul sowieso nichts mehr, sagt Bilal, "keinen Strom, kein Essen, kein Wasser, keine Medikamente".

Früher hatte er in einer Fabrik gearbeitet, die Kekse herstellte, doch als der IS im Sommer 2014 anrückte, brannten die Kämpfer das Gebäude nieder. Danach hatte die Familie kein Einkommen mehr. "Wir wären viel früher aus Mossul geflohen. Aber der IS hat alle umgebracht, die weg wollten. Unser Leben war die Hölle", sagt Bilal leise.

Das Al-Khazir-Camp liegt umrahmt von grünen Feldern eine Autostunde nordwestlich von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. Am Horizont, knapp 20 Minuten entfernt, beginnt Mossul. Es ist die zweitgrößte Stadt des Irak und grenzt an die Kurdenregion, es ist auch die letzte größere Stadt im Land, in der sich Kämpfer des IS verschanzen. Seit Oktober versucht ein Bündnis aus irakischer Armee, kurdischen Peschmerga und der US-geführten Allianz den IS dort zu vertreiben. Seit Ende Januar ist der Ostteil unter Kontrolle der Regierungstruppen. Seit Mitte Februar läuft eine Offensive, um auch den Westteil zu erobern.

Die Angst, dass IS-Kämpfer unter den Flüchtenden sind

Der Kampf um Mossul ist brutal, auf beiden Seiten. Der IS soll Dutzende Bewohner als Geiseln genommen haben, Zivilisten als Schutzschilde missbrauchen, auf fliehende Bewohner schießen. Menschenrechtsorganisationen werfen aber auch den Gegnern der Dschihadisten schwere Verbrechen vor. In Dörfern südlich von Mossul etwa seien Bewohner von Mitgliedern paramilitärischer Einheiten gefoltert und ermordet worden, berichtet Human Rights Watch.

Mehr als 46.000 Menschen sind vor den Kämpfen aus West-Mossul geflohen, die ohnehin schon ausgelasteten Notlager kommen an die Grenzen ihrer Kapazität. Seit Beginn der Offensive sind insgesamt mehr als 200.000 Menschen auf der Flucht, nur ein Bruchteil ist bisher nach Ost-Mossul zurückgekehrt. Die Mehrheit der Geflüchteten ist in den notdürftigen Zelten der Camps untergekommen, die vor Mossuls Stadtgrenzen errichtet wurden.

Viele Mossulis fliehen auch auf die kurdische Seite. Allein in Al-Khazir sind Zehntausende untergekommen, an manchen Tagen erreichen mehrere Hundert Menschen das Lager. Hilfsorganisationen warnen, dass die Zahl der Vertriebenen noch dramatisch steigen könnte, da Hunderttausende in West-Mossul eingekesselt sind.

Mossul

Bilals Familie hat ein Zelt in einem gesonderten Lagerabschnitt für die Neuankömmlinge bezogen. Am Eingang patrouillieren kurdische Peschmerga-Soldaten, ihre Blicke wandern hektisch umher, sie halten ihre Waffen fest umklammert. Die Anspannung bei den Kurden ist groß. Die Peschmerga fürchten, dass sich IS-Unterstützer erst in das Lager und dann in die kurdische Region einschleusen könnten.

Den Menschen aus West-Mossul misstrauen die Soldaten am meisten. Denn der Westteil der Stadt ist sunnitisch geprägt, und der IS soll dort großen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Immer wieder gibt es Berichte über Menschen im Lager, deren Familienmitglieder aktiv für den IS gekämpft haben oder mit ihm sympathisieren. Doch die Grenze zwischen berechtigter Furcht und dem Generalverdacht gegenüber Männern im kampffähigen Alter ist fließend.

Noch bevor die Menschen die Notlager erreichen, werden sie in sogenannten Screening-Zentren vor den Stadtgrenzen Mossuls überprüft. Sie werden nach Waffen und Sprengstoff durchsucht. Sie werden auch befragt, um ihre Haltung zur Ideologie des IS zu ermitteln. Der gesamte Prozess kann bis zu einer Woche dauern. Laut Human Rights Watch lässt die kurdische Regierung immer wieder Männer festnehmen, viele verschwinden monatelang spurlos.