Man muss sich das einmal vorstellen: Da diskutieren die Spitzenkandidaten von acht niederländischen Parteien einen Abend lang, geschlagene zwei Stunden, und kaum einer benutzt das Wort Islam. Auch von Marokkanern ist kaum die Rede. Spätestens im zweiten Reklameblock fällt dann auf, wie ungewöhnlich diese TV-Debatte ist. Plötzlich nimmt man die Clownereien von Henk Krol, dem Vormann der Seniorenpartei 50Plus, viel stärker wahr. Es wird deutlich, wie sehr Mark Rutte, der Premier, den Staatsmann spielt. Offensichtlich wird außerdem, wie jovial die Teilnehmer trotz scharfer Debatte miteinander umgehen. Kommt einem das nur so vor, oder war da so etwas wie ein Aufatmen spürbar?

Dass Schlüsselbegriffe der vergangenen Wahlkampfwochen in der TV-Debatte fehlen, hat natürlich damit zu tun, dass Geert Wilders nicht mitdebattierte. Es schien so, als habe keiner der Anwesenden den Rechtspopulisten an diesem Sonntagabend vermisst. Außer der Fernsehsender RTL, Mitinitiator der Diskussion im Amsterdamer Theater Carré, vielleicht. Die Einschaltquoten wären mit Wilders wohl noch höher gewesen. Aber der Sender hat es sich selbst zuzuschreiben: Weil RTL Wilders' großen Bruder Paul neulich vor die Kamera geholt hatte und dieser ausführlich über Geerts schwierigen Charakter reflektieren durfte, hatte der Chef der Partij voor de Vrijheid (PVV) seine Teilnahme an der TV-Debatte abgesagt. Demonstrativ machte er auf Twitter deutlich, was er von der Qualität des Fernsehsenders hält: "Gleich gucken!" Darunter postete er ein Foto der Sendung Bauer sucht Frau.

Ohne Wilders war der Christdemokrat Sybrand Buma der Einzige, der an diesem Abend über den Islam sprach, und zwar die Bedrohung durch den "radikalen". Zugleich warnte Buma vor "Hass-Säern". Sein Ziel war überdeutlich: Buma, dessen Partei im Aufwind ist und noch zu den führenden Liberalen und Rechtspopulisten aufschließen könnte, will sich als redliche Alternative für gemäßigte rechte Wähler ins Spiel bringen. Und niemand hielt ihn davon ab.

Dann war da Jesse Klaver, der junge Vormann von GroenLinks, der ein bisschen aussieht wie der kanadische Premier Justin Trudeau und um den im progressiven Lager gerade ein kleiner Hype entsteht. Klaver, Sohn eines Marokkaners, zitierte Mitteilungen, die er jüngst über soziale Medien erhielt: "Hau ab in dein eigenes Land" und "Ich wähle dich nicht, weil du Marokkaner bist". Klaver griff Buma direkt an: In dessen Plädoyer für Normen und Werte fehle ein Bekenntnis gegen solch diskriminierende Äußerungen. Bumas Reaktion war schwach, der Punkt ging an Klaver.

Welchen Effekt die Debatte letztlich auf die Wähler hat, wird zwar erst am Wahltag, dem 15. März, deutlich. Unübersehbar ist aber schon jetzt, dass dem großen Abwesenden im renommierten Carré-Theater trotzdem eine nicht zu unterschätzende Rolle zukam. Vier Thesen zu wahlrelevanten Punkten wurden den Diskutanten vorgelegt. 1. "Der Eigenbeitrag zur Krankenversicherung wird abgeschafft", 2. "Die Niederlande haben ihre Kultur unzureichend beschützt", 3. "Das Rentenalter muss zurück zu 65", 4. "Eine stärkere EU ist nötiger denn je". Alle vier betreffen das Kernprogramm von Wilders' PVV, an dem sich die anderen Parteien seit Wochen abarbeiten.

Wilders' Abwesenheit zeigte umso deutlicher, welch großen Einfluss seine PVV auf den politischen Diskurs in den Niederlanden hat – und wie die anderen Kandidaten ihr Programm und ihre Wortwahl danach ausrichten: Lodewijk Asscher von der Partij van de Arbeid beispielsweise gab dem ursozialdemokratischen Motiv "Sich einsetzen für alle" das Label Vaterlandsliebe. Kurz zuvor hatte Wilders den "patriotischen Frühling" ausgerufen. Premier Rutte wiederholte einmal mehr, dass "ein stärkeres Europa nicht mehr Europa" brauche. Emile Roemer von der Socialistische Partij freestylte zum gleichen Thema: "Zusammenarbeit: okay, mehr Brüssel: nee!" Es ist klar, wessen Botschaft sie abschwächen wollten: Wilders fordert den Austritt aus der EU und dem Euro.